Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Die sture Katholikin

Von Brigitte Matern

«Frauen gehören an die Kochtöpfe und zu den Blumen», erklärte ihr einmal ein berühmter Mitstreiter. Eine lächerliche Aussage gegenüber einer Frau, die einen Kran bedienen konnte und Schiffsteile zusammenschweisste. Für diesen «Verräter» empfand sie aber ohnehin nur Verachtung, weil er – da war sie ganz sicher – für den Geheimdienst gearbeitet hatte. Nur beweisen konnte sie das nie.

Zur Welt kam die Bauerntochter 1929 in Wolhynien. Als sie zehn war, starben ihre Eltern, und sie musste sich als Magd verdingen. Der Dienstherr war aber so gewalttätig, dass sie sich nach Kriegsende schleunigst eine andere Arbeit suchte. Sie diente in diversen Haushalten, hütete Kinder, verpackte in einer Fabrik Margarine und kam schliesslich als Arbeiterin in einer Werft an der Ostsee unter. Hier schwor sie sich, dass sie niemals und niemandem Anlass geben würde, sie zu entlassen. Irgendwann wurde ihr klar, dass etwas nicht stimmte in dieser Volksrepublik: Frauen erhielten weniger Lohn als Männer, und während der einfache Arbeiter wegen einer entwendeten Schraube entlassen wurde, liessen Parteibonzen sich aus Betriebsmitteln Villen bauen. Sie konnte ihren Mund nicht halten, schaffte sich Feinde in der Partei (der sie nie beitrat), und als sie publik machte, dass ein Werftfunktionär Firmengeld verspielte, drohte ihr erstmals Entlassung – was ihre KollegInnen allerdings nicht zuliessen.

1970 legte sie mit den WerftarbeiterInnen aus Protest gegen Preissteigerungen die Arbeit nieder und erlebte mit, wie sie mit Versprechungen hingehalten und blutig auseinandergetrieben wurden. Sie lernte die Lektion und engagierte sich heimlich beim Aufbau einer freien Gewerkschaft (überwacht vom Geheimdienst, der sie später zu vergiften versuchte). Als 1980 die Menschen erneut für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen streikten, verhinderte sie, dass der Streikführer bei den ersten Zugeständnissen einknickte. Am Ende musste die Regierung sämtliche Forderungen akzeptieren und freie Gewerkschaften zulassen. Ein Erfolg, der später per Kriegsrecht wieder annulliert wurde.

Wer war diese mehrfach inhaftierte, tiefgläubige Mutter Courage, die 1991 ihren letzten Streik anführte und 2010 in Smolensk bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam?

Wir fragten nach der polnischen Gewerkschafterin Anna Walentynowicz (1929–2010). Die Solidarnosc-Mitbegründerin trat kurz nach Zulassung der Gewerkschaft wegen anhaltender Konflikte mit Lech Walesa, ihrem berühmten Mitstreiter in der Danziger Lenin-Werft, aus dem Vorstand aus. Ihren Vorwurf, er habe während des 1980er-Streiks mit dem Geheimdienst kooperiert, wiederholte sie auch, als er bereits Staatspräsident war – in der (irrigen) Hoffnung, dass bei einem Prozess wegen Präsidentenbeleidigung der Wahrheitsgehalt ihrer Anschuldigungen gerichtlich überprüft und bestätigt würde. 2010 starb Walentynowicz auf dem Flug zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Massakers von Katyn, wo 1940 auf Geheiss Stalins 4400 polnische Offiziere ermordet worden waren. Bei dem Flugzeugunglück kam unter anderen auch der polnische 
Präsident Lech Kaczynski ums Leben.

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