Nr. 11/2014 vom 13.03.2014

Konzert

Kampfansage im Kaufdschungel

Ein junger Herr mit schräger Baseballmütze und schickem Anzug verlässt seine Wohnung in London. Er flucht in bester Spoken-Word-Manier, als wäre er bei John Cooper Clarke oder Patrick Fitzgerald in die Schule gegangen, über die Verhältnisse. «Thou Shalt Always Kill» heisst die Hymne, mit der Scroobius Pip und sein Laptopmusiker Dan le Sac bekannt wurden. Die Kampfansage im Kaufdschungel warnt vor Produkten von Coca-Cola und Nestlé und gibt im Vorbeigehen Tipps in Sachen Drogen und Liebe. Am Schluss schleudert Pip Platten seiner Lieblingsbands in die Luft: die Sex Pistols, Crass, Nirvana – kein Startum, bitte, alles nur Bands und nicht mehr als das. Zu Stars werden Le Sac und Scroobius Pip allerdings gerade selbst: Mit ihrem neuen, dritten Album, «Repent Replenish Repeat», das erneut zwischen Rap, Indie und Elektronik spielt, schafften sie es in die vorderen Reihen der UK-Charts. Der Erfolg, den sie nicht suchten, scheint nichts an ihrer Laune zu ändern: Auf Twitter melden sie sich im Minutentakt zu Wort, und ihr Ärger ist nach wie vor gross.

Dan Le Sac vs. Scroobius Pip in: Zürich Rote Fabrik, Do, 13. März 2014; St. Gallen Palace, Fr, 14. März 2014; 
Bern Reitschule, Sa, 15. März 2014.

Kaspar Surber

Sofia

«Sofia» steht für Support of Female Improvising Artists und orientiert sich an dem US-amerikanischen Förderprogramm Sisters in Jazz, das zur musikalischen Weiterbildung gedacht ist. Im vergangenen Herbst hat die in Zürich lebende Saxofonistin Nicole Johänntgen die Dreiländerinitiative «Sofia» initiiert und noch je zwei junge Musikerinnen aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland gesucht. Eine Jury, der neben anderen die Sängerinnen Erika Stucky und Annina Salis, Carine Zuber («Moods» in Zürich) und Johänntgen angehören, sind fündig geworden und haben aus den Auserwählten die Band Sofia formiert und gleich eine siebte Musikerin dazugenommen. Sie stehen nun in Köln, Paris, Zürich und anderen Orten gemeinsam auf der Bühne.

Die Schweizer Sängerin Karin Ospelt, die auch noch ihr Bandprojekt Birdboy präsentiert, ist zusammen mit Olga Trofimova (Posaune), Carla Gaudré (Saxofon), Sophie Baudon (Piano), den beiden Bassistinnen Stevie-Jo Dooley und Katharina Gross sowie Imogen Gleichauf (Schlagzeug) zu hören. Am zweiten Abend im «Moods» improvisieren die Musikerinnen zum dramatischen Stummfilm «Hypocrits» (USA 1915) von Lois Weber.

Sofia in: Zürich Jazzclub Moods, Mo, 17. März 2014, 20.30 Uhr, Di, 18. März 2014, 20.30 Uhr, Birdboy 
und Filmmusik. www.sofia-musicnetwork.com

Fredi Bosshard

Kino

Sich treu geblieben

Vor vierzig Jahren waren sie zusammen in der linken ausserparlamentarischen Opposition in Deutschland aktiv – heute sind sie erbitterte politische Gegner: Hans-Christian Ströbele, Bundestagsabgeordneter der Grünen, Otto Schily, ehemaliger SPD-Innenminister, und Horst Mahler, Rechtsextremist und Holocaustleugner.

Ein Pressefoto von 1973 zeigt die drei Juristen im Gerichtssaal: Mahler sitzt wegen seiner RAF-Verbindungen auf der Anklagebank, Ströbele und Schily verteidigen ihn. Was ist seither passiert? Dieser Frage geht Birgit Schulz in ihrem sehenswerten Dokumentarfilm aus dem Jahr 2009 nach, der am 20. März im Kino in der Reitschule in Bern gezeigt wird. Die Spurensuche beginnt mit dem Pressefoto von 1973. Damals verband die drei Anwälte ein gemeinsamer Kampf für linke Vorstellungen von Gerechtigkeit; sie legten sich in spektakulären Prozessen mit dem Verleger Axel Springer, mit Polizeipräsidenten und Richtern an. Mit historischem Bildmaterial zeichnet Schulze die Geschichte der ausserparlamentarischen Opposition in Deutschland nach. Dazu montiert sie Ausschnitte aus den Gesprächen, die sie mit den drei Protagonisten geführt hat. So entspinnt sich ein Film über drei Lebenswege zwischen Privatem und Politischem, der nicht urteilt, sondern aufzeigt. Denn Mahler, Schily und Ströbele behaupten alle, sich selber treu geblieben zu sein.

«Die Anwälte. Eine deutsche Geschichte» in: 
Bern, Kino in der Reitschule, Do, 20. März 2014, 
20.30 Uhr. www.reitschule.ch/reitschule/kino

Franziska Meister

Musikdrama

Hommage an Robert Walser

Ein Schriftsteller, erklärte Robert Walser in seinem ersten Prosastück für das «Berliner Tageblatt» im Jahr 1907, müsse ein «Witterer, Duftler und Riecher» sein. Ihm sei die Pflicht auferlegt, seine Spürnase zur Vollkommenheit auszubilden. Welche Kunst aber könnte dieses «Wittern» und «Spüren» besser nachempfinden als die Musik? Der Schweizer Komponist und Regisseur Ruedi Häusermann richtet seinem «liebsten Dichter» nun gemeinsam mit vier Streichern und drei Schauspielern am Schauspielhaus Zürich erneut einen musikalischen Abend aus. «Text, Ton und Bild», so die Ankündigung, «fügen sich in eine fein verästelte Partitur, die melancholisch und humorvoll, ernsthaft und verspielt zugleich ist.» Seine Freunde forderte Walser einmal höflich auf, ihn für durchaus fähig zu halten, «gleichzeitig zu scherzen und ernsthaft zu sein». Die kleinen Stücke, die Walser zwischen 1907 und 1933 in Berlin veröffentlichte, lassen sich neuerdings übrigens in Band III, 1, der bei Stroemfeld erschienenen Robert-Walser-Ausgabe nachlesen.

«Robert Walser. Eine musiktheatralische Durchwanderung von Ruedi Häusermann» in: 
Zürich Schauspielhaus Pfauen, Sa, 15. März 2014, 
20 Uhr, Premiere. www.schauspielhaus.ch/spielplan

Ulrike Baureithel

Hommage an Steve Lacy

«Ich war fasziniert von der Klarheit des Sounds von Lacy, von der einfachen Eleganz seiner Melodien», schreibt der holländische Altsaxofonist Jorrit Dijkstra, der seit langem in Boston lebt und dort oft mit dem griechischstämmigen Pianisten Pandelis Karayorgis und dem Bassisten Jason Roebke zusammenspielt. «The Whammies!» ist eine Komposition des US-amerikanischen Sopransaxofonisten Steve Lacy (1934–2004). Mit The Whammies formierten Dijkstra und Karayorgis ein transatlantisches Sextett, dem mit dem Posaunisten Jeb Bishop aus Chicago, der Violinistin Mary Oliver und dem Schlagzeuger Han Bennink weitere Koryphäen einer abenteuerlustigen Szene angehören.

Die Komposition «The Whammies!» geht auf Lacys experimentierfreudige Periode der siebziger Jahre zurück, der sich The Whammies verschrieben haben. Dabei halten sie sich an die Kompositionsstrukturen, die Lacy für seine offenen Stücke hinterlassen hat und die einige Hinweise auf den kompositorischen Prozess zulassen.
 Mit Bennink, der «éminence grise» der holländischen Szene, hat die Band einen Schlagzeuger mit unnachahmlichem dadaistischem Swing an der Seite. Er war in den siebziger und achtziger Jahren oft mit Lacy zusammen anzutreffen und kennt sich in dessen Repertoire bestens aus. 1983 erlebte der damals siebzehnjährige Musikstudent Dijkstra eines ihrer Konzerte und war sofort hingerissen. Beinahe zwanzig Jahre später, als Lacy am New England Conservatory in Boston unterrichtete, wurde er sein Student. Mit The Whammies erweist er ihm nun seine Reverenz.

«The Whammies play Steve Lacy» in: Zürich Rote Fabrik, So, 16. März 2014, 19 Uhr. www.rotefabrik.ch

Fredi Bosshard

Ausstellung

Rosina Kuhn

Die Zürcher Malerin Rosina Kuhn zeigt in Wettingen Monotypien, die sie zwischen 2003 und 2013 geschaffen hat. Die Monotypie, bei der direkt auf eine harte Unterlage gemalt und anschliessend die noch feuchte Farbe auf Papier abgezogen wird, kommt ihrem Temperament sehr entgegen. Ihre gestisch-figurativen Motive wirken sehr expressiv. Sie werden zu Themenblöcken zusammengefasst, können sich auch wiederholen, sind aber nie gleich. Unter dem Titel «Les Enfants du Paradis» versammelt Kuhn Tessiner Landschaften, Strassenbilder und Stadtlandschaften von Los Angeles, Hunde aus Venedig und grossformatige Monotypien, die sie im Druckatelier von Giorgio Upiglio in Mailand schaffen konnte.

Rosina Kuhn «Les Enfants du Paradis, 
Monotypien 2003–2013» in: Wettingen 
Galerie im Gluri Suter Huus, Sa, 15. März 2014, 17 Uhr, Vernissage. Einführung: Rudolf Velhagen, 
Musik: Anton Bruhin. Mi–Sa, 15–18 Uhr; 
So, 11–17 Uhr. Bis 4. Mai 2014. www.glurisuterhuus.ch

Fredi Bosshard

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