Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Festival

Direkte Aktion, wilder Tanz

Für ein Wochenende steht Bern unter dem schwarz-roten Banner: Vom 16. bis zum 18. Mai 2014 gibts eine Veranstaltungsreihe zum Anarchismus. Sie beginnt im Käfigturm mit einer Einführung: Der Publizist Werner Portmann spricht über Ideen und Aktionen des Anarchismus auf dem «Gebiet genannt Schweiz». Bekanntlich können AnarchistInnen nichts mit Nationalstaaten anfangen, sondern streben eine gesellschaftliche Organisation in basisdemokratischen Kollektiven an.

So wird denn auch über die direkte Aktion im heutigen Arbeitsalltag gesprochen: VertreterInnen von Baufirmen und Druckereien loten im Progr die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstverwaltung aus, und in einer Diskussion werden die Globalisierung und der Anarchismus im 19. Jahrhundert mit dem Neoliberalismus und der Wirtschaftskrise in der Gegenwart verglichen. Zur Veranstaltungsreihe gehören auch eine Buchmesse mit deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Verlagen sowie Konzerte: Am Freitag gibt es abends im Ono die Songwriter David Rovics und Niels van der Waerden zu hören, am Samstag wird in der Brasserie Lorraine wild getanzt: mit Punk von Migre Le Tigre und weiteren Bands.

Anarchismus (auch in der Schweiz) in: Bern Käfigturm, Progr, Ono, Brasserie Lorraine. Fr–So, 16.–18. Mai 2014. www.faubern.ch

Florian Keller

Kongress

Science und Fiction

Aldous Huxleys düsterer Zukunftsroman «Schöne neue Welt» von 1932 gehört zu den einflussreichsten Werken des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Zukunftsszenarien für das Jahr 2540 sind bereits heute Realität – von der weltweiten elektronischen Überwachung über synthetische Drogen zur Verhaltenskontrolle bis hin zu weitreichenden genetischen Manipulationen. Aus Huxleys Perspektive ist die Frage müssig, ob Gentechnologie bessere Menschen schafft. Am Kongress «Brave New World – Schöne Neue Welt», der am 17. Mai in Basel stattfindet, wird sie hingegen ernsthaft diskutiert: Der US-amerikanische Genforscher Evan Eichler spricht über Möglichkeiten und Grenzen, die Evolution des Menschen mittels genetischer Manipulationen zu fördern.

Andere Wissenschaftler (Zukunftsforschung scheint ein männlich dominiertes Feld) zeigen, dass der Mars bis 2025 bewohnbar gemacht werden könnte oder dass wir uns mit Ausserirdischen dank gemeinsamer Grammatik verständigen könnten. Vor dem Hintergrund solcher Forschungsprojekte fragen GeisteswissenschaftlerInnen nach deren Sinn, Folgen und Wünschbarkeit. «Sind Nerds der Menschentyp der Zukunft?», formuliert etwa Kulturwissenschaftler Mathias Mertens. Es geht aber auch um das Verhältnis von Fantasie und Wirklichkeit und um die Rolle der Literatur in unserem technisch-biologistisch dominierten Zeitalter. Ausschnitte aus Huxleys Roman führen durch die Tagung.

«Science und Fiction im Dialog» / «Brave New World – Schöne Neue Welt» in: Basel Universität, Petersplatz 1, Sa, 17. Mai 2014, 9.15–16.15 Uhr. Elektronische Anmeldung und Ticketbestellung 
bis 16. Mai 2014 um Mitternacht unter 
www.logos-forum.com.

Franziska Meister

Theater

Transit als Zuhause

«Hier ist man immer kurz vor dem Weggehen, kurz vor dem Ankommen, hier wartet man, die Körper hier, der Kopf woanders», schreibt Ivna Zic über Zürich. Das Schauspielhaus Zürich hat sechs AutorInnen eingeladen, sich über die Stadt als Transitraum, als Ort der Bewegung und Begegnung Gedanken zu machen. Und wer da alles durchkam, von den russischen Revolutionären bis zu den heutigen Secondos: Lukas Linder befasst sich mit einem orthodoxen Geistlichen, der einen Arbeiteraufstand anführte, Ivna Zic erzählt von einem Mädchen, das an die Beerdigung seiner Grossmutter nach Kroatien reisen muss – ein Land, das sie sonst nur aus den Ferien kennt.

Inszeniert werden die Stücke von sechs jungen RegisseurInnen aus den Niederlanden, Deutschland, Tschechien, Griechenland, Spanien und Frankreich. Tätig in ganz Europa, sind sie selbst ExpertInnen für ein Leben im Transit. Die Stücke werden so nicht nur vom Inhalt, sondern auch in ihrer Inszenierung eine Gesellschaft zum Ausdruck bringen, die unterwegs ist. Das europäische Experiment ist an zwei Abenden zu sehen, an denen je drei Stücke aufgeführt werden.

«Transit I und II» in: Zürich Schauspielhaus. 
Ab Do, 22. Mai 2014. www.schauspielhaus.ch

Kaspar Surber

Occupy Europaallee!

Irgendwann lallen sie sich alle einen runter in ihrer Marktgeilheit, und ihr Hohelied auf die Europaallee, dieses Quartier einer hyperurbanen Reissbrettzukunft, klingt jetzt, als würden sie einen fremden Götzen anrufen: «Europa-Allah!» Es ist der komische Höhepunkt im Theater Neumarkt, weil hier im vermeintlichen Nonsens gleich mehrere Vektoren der hiesigen Gegenwart mal kurz übers Kreuz gelegt werden: Kapitalismus als Religion, der Kult um Standort- und andere Wertfaktoren, aber auch die gebetsmühlenartig beschworene Angst vor dem Fremden.

Was ist die Europaallee gleich neben dem Zürcher Hauptbahnhof, und was soll sie noch werden? Für den Autor und Regisseur Christoph Frick ist sie vor allem eine Fundgrube für Marketingparolen aller Art und ein symbolischer Ort, an dem sich Gentrifizierung, Wachstumswahn und unbegrenzte Mobilität gegenseitig potenzieren. Zusammen mit Martin Schütz (Cello und Elektronik) und Bo Wiget (Cello und Gesang) und dem Neumarkt-Ensemble hat Frick eine Text- und Soundcollage gebaut, die zwischen lautmalerischem Slapstick und infernalischem Gebrüll um die totale Vermarktung des Stadtraums kreist. Oder frei nach Theodor W. Adorno: Konsum ist ein Stahlbad.

Die Bühne: eine Faltenlandschaft in einem Farbton, wie er wohl herauskommt, wenn man Raubgold mit Gaggibraun mischt. Und mittendrin auf dieser Baustelle: Martin Butzke, Maximilian Kraus und Janet Rothe, die uns mit Daten, Vertragsklauseln und Marktprognosen eindecken. Klingt trocken, entwickelt sich aber zu einer fulminanten ideologiekritischen Revue – auch wenn die Europaallee für einen ganzen Abend dann doch nicht genug hergibt. Etwa ab der Hälfte biegt das Ensemble in eine pauschale Swissness-Farce ab, samt Techno-Jodel, Glencore-Soul und schwarzen Schafen, die ausgegrenzt werden. Am Ende bleibt nur noch das Wachstum übrig auf der Bühne – als Geschwür.

«Europaallee» in: Zürich Theater Neumarkt, 21./23./27./30. Mai 2014, jeweils 20 Uhr. Weitere Daten bis 1. Juli 2014 siehe www.theaterneumarkt.ch.

Florian Keller

Ausstellung

Kunst aus der Waldau

Im Jahr 2004 ist in der Berner Psychiatrischen Klinik Waldau die Kunstwerkstatt Waldau gegründet worden. Zu ihrem zehnjährigen Bestehen hat der Trägerverein gemeinsam mit 22 Kunstschaffenden eine Publikation erarbeitet, die nun – gemeinsam mit Werken der KünstlerInnen – in der Ausstellung «10 Jahre Kunstwerkstatt Waldau» in der Galerie des Kornhausforums in Bern zu sehen ist. Jeder Band der Publikation ist ein Unikat, da alle Buchdeckel von den KünstlerInnen der Kunstwerkstatt selbst gestaltet wurden. Eine der bekanntesten Künstlerinnen der Kunstwerkstatt war die Anfang dieses Jahrs verstorbene Margrit Roth. In der Ausstellung sind von ihr Aquarelle und Gipsfiguren zu sehen. Ausserdem ausgestellt sind Werke von Lili Brühwiler, Jonas Scheidegger, Thomas Mosimann, Claudia Port und anderen mehr.

Parallel zur Ausstellung im Kornhausforum zeigt der Kulturpunkt im Progr ebenfalls Werke psychisch Kranker unter dem Titel: «Blicke zurück – Werke aus der Sammlung Morgenthaler». Der Psychiater Walter Morgenthaler wurde 1921 bekannt durch die Veröffentlichung der Krankengeschichte des Künstlers Adolf Wölfli.

«10 Jahre Kunstwerkstatt Waldau Bern» in: 
Bern Galerie Kornhausforum, bis Sa, 17. Mai 2014. Öffnungszeiten: Di–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–17 Uhr. www.kornhausforum.ch

«Blicke zurück – Werke aus der Sammlung Morgenthaler» in: Bern Kulturpunkt im Progr, bis Sa, 24. Mai 2014. Öffnungszeiten: Mi/Do 14–18 Uhr, Fr 14–17.30 Uhr, Sa 13–16 Uhr. www.kulturpunkt.ch

Silvia Süess

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