Nr. 20/2014 vom 15.05.2014

Die humanitäre Lumpensammlerin

Von Brigitte Matern

Geldsorgen drückten sie nicht, und Essen stand immer genug auf dem Tisch, auch für die vielen Gäste, denen die Haustür stets offen stand: In Not geratenen Menschen zu helfen, gehörte ihrer Ansicht nach zur Pflicht einer jeden Christin. Geboren wurde die Textilfabrikantentochter 1890 im Appenzellerland. Eigentlich sollte sie nach der Handelsschule in das Seidengaze-Geschäft des Vaters einsteigen, doch sie heiratete, zog nach Bern und gebar drei Kinder.

Nur Hausfrau und Mutter wollte sie allerdings nicht sein, und so kümmerte sie sich bald um Bedürftige und Wohnsitzlose. 1931 trat sie einer internationalen Friedensorganisation bei und schuf sieben Jahre später, als im Nachbarland die Synagogen brannten, eine Anlaufstation für Menschen, die vor dem Naziterror flohen. «Lumpensammler» nannte sie dieses Hilfenetz selbstironisch, denn hier fanden alle Unterstützung, die von den katholischen und protestantischen Hilfswerken ignoriert wurden, auch KommunistInnen. Unermüdlich setzte sie sich bei den Behörden für den Verbleib und die Aufnahme einzelner Flüchtlinge ein und tourte als Vortragsreisende durch die Schweiz, um Gehör und Geld für ihr Hilfswerk zu finden.

Als im August 1942 die Schweizer Grenzen rigoros geschlossen wurden, war sie längst eine nationale Autorität. Selbst Zöllner holten sich bei ihr Rat, wenn sie die Holocaustflüchtlinge nicht zurück in den sicheren Tod schicken wollten. Nach dem Krieg blieb sie in der Friedens- und Flüchtlingspolitik engagiert; sie gründete ein noch heute aktives Hilfswerk, engagierte sich für algerische, ungarische und chilenische Flüchtlinge und stiess den Aufbau von Hilfsprojekten in Afrika an. Und als sie, die Israelfreundliche, die prekäre Lage der PalästinenserInnen im Westjordanland sah, zögerte sie nicht, auch ihnen Hilfe zukommen zu lassen.

Wer war die 1972 verstorbene Erfinderin der Berner Friedenswoche und Ehrendoktorin der Theologie, die nationales Gewissen, aber auch Feigenblatt einer restriktiven Flüchtlingspolitik war?

Wir fragten nach der Schweizer «Flüchtlingsmutter» und Sozialaktivistin Gertrud Kurz (1890–1972). 1931 trat sie der Friedensorganisation «Kreuzritter» bei, deren Schweizer Sektion sie ab 1937 vorstand; das ein Jahr später ins Leben gerufene Hilfswerk hiess Flüchtlingshilfe der Kreuzritter. 1947 gründete «Mutter Kurz», wie man sie auch nannte, den Christlichen Friedensdienst cfd. Anfang der sechziger Jahre wurde sie zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert.

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