Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Der prophetische Don Quijote

Von Brigitte Matern

Selbstverständlich hatte er die Rekrutenschule absolviert und war eingerückt, als die Regierung im Juli 1914 die Mobilmachung anordnete. Aber nun den Fahneneid schwören und womöglich auf Menschen schiessen? Das ging zu weit. Er verweigerte Schwur und Waffe und erwartete sein Todesurteil. Die Offiziere waren jedoch derart fassungslos, dass sie den 27-Jährigen umgehend in eine Anstalt einwiesen.

Dabei war der Geschäftsführer des Berner «Ratskellers» keineswegs krank, nur konsequent: Die «Menschheitskatastrophe Krieg» verstiess für ihn gegen das Gebot der Nächstenliebe, dass man sich auf «Geheiss einiger gekrönter Häupter gegenseitig» umbrachte, fand er unerträglich. Nach ein paar Monaten musste man den «gebesserten Psychopathen» laufen lassen; seine Arbeitsstelle war er aber los.

Aus der bürgerlichen Existenz gekegelt, beschloss er, nur noch seinem Gewissen folgend für den Weltfrieden zu kämpfen – zunächst in Bern, bei Nationalräten und der Generalität, dann, 1917, in Zürich, wo er nach einer Rede mit dem Ruf «Vorwärts, holt die Arbeiter raus!» zwei Munitionsfabriken lahmlegte. Er sammelte Spenden für die Friedensarbeit, hielt sich mit Bücher- und Gemüsehandel über Wasser und machte mit Friedensmärschen und Hungerstreiks nicht nur seine Frau unglücklich.

Keine Gewaltaktion liess der Radikalpazifist unkommentiert, weder den Überfall Japans auf die Mandschurei noch die Kriegstreiberei Deutschlands, weder den Algerienkrieg noch die Besetzung der Westbank. In Hunderten Briefen forderte er die Verantwortlichen auf, ihn zu Friedenskonsultationen zu empfangen, er verlangte Rederecht bei der Uno und protestierte – meist allein, mit weisser Fahne – in Berlin, Washington, Moskau, Paris …

Seine Versuche, die Schweizer Regierung in die Friedensarbeit mit einzubinden, waren erfolglos. Doch auch die Justiz gelangte nicht an ihr Ziel: Zumikon, die Wohnortgemeinde, widersetzte sich mehrmals seiner Entmündigung.

Wer war der unbeirrbare Prophet, der Walter Ulbricht die Mauer abkaufen wollte und noch mit 83 Jahren gegen den Vietnamkrieg marschierte?

Wir fragten nach dem Pazifisten Max Daetwyler (1886–1976). Für seine Friedensaktionen kassierte er unzählige Haft- und Geldstrafen. 1943 protestierte er als einer von wenigen gegen die Hinrichtung zweier mutmasslicher Spione durch das Schweizer Militär. Zu «Dättis» Friedensprojekten gehörten die Gründung der Vereinigten Staaten von Europa nach Schweizer Vorbild und eine internationale Kriegsächtungskonferenz (zu der er die Regierungschefs der Welt persönlich einlud und um Anmeldung beim Bundesrat bat). Ein detailliertes Bild seines unermüdlichen Einsatzes zeichnet Stephan Bosch in «Max Daetwyler. Der Friedensapostel», Rüffer & Rub, Zürich 2007.

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