Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Der Kronanwalt mit Gewissen

Von Brigitte Matern

«Mögen sie mich verurteilen. Ich bedaure nichts», sagte er 1966 vor Gericht. Wenigstens ein Bure müsse gegen die Apartheidpolitik seine Stimme erheben. Das sei er «den politischen Gefangenen, den Verbannten, den zum Schweigen Gebrachten» schuldig. Fünfzehn Vergehen zauberte man gegen ihn aus dem Ärmel. Dafür bekam er lebenslänglich.

Dabei hätte der Vorsitzende der Johannesburger Anwaltskammer es sich bequem machen können in seinem Stand. Angesehene Persönlichkeiten, Richter und Premierminister, entsprangen der Familie, die seit sechs Generationen im Oranjefreistaat zu Hause war. Er selbst, 1908 in Bloemfontein geboren, konnte studieren (unter anderem in Oxford) und Auslandsreisen unternehmen (unter anderem in die Sowjetunion), und er hätte vermutlich die höchsten Staatsämter erklommen, wäre ihm nicht das Gewissen dazwischengekommen.

Ab 1935 als Anwalt tätig, schloss er sich während des Zweiten Weltkriegs der Südafrikanischen Kommunistischen Partei an, stieg in deren Zentralkomitee auf und arbeitete eng mit dem African National Congress (ANC) zusammen. Als 1948 die Nationale Partei an die Regierung kam und die Rassentrennung forcierte, konnte er sich vor Arbeit kaum retten. Ein rigides Antikommunismusgesetz, das jede Art Widerstand brechen sollte, stattdessen aber die Antiapartheidbewegung enger zusammenführte, sorgte für übervolle Gefängnisse.

1956 verteidigte er «Landesverräter» wie Nelson Mandela und Walter Sisulu, deren einziges Vergehen die Deklarierung einer Freiheitscharta war; der Mammutprozess endete 1961 für alle Angeklagten mit Freispruch. Drei Jahre später – das Massaker von Sharpeville und das ANC-Verbot hatte die AktivistInnen in den Untergrund getrieben – konnte er Mandela nur noch vor der Todesstrafe bewahren.

Danach geriet auch der unbequeme Anwalt ins Visier der Strafverfolger. 1964 tauchte er unter, wurde neun Monate später gefasst und mithilfe der windigen Staatsschutzgesetze ausser Gefecht gesetzt. Die Freilassung Mandelas erlebte er nicht mehr. 1975 starb der renommierte Jurist, kurz nachdem er, an Krebs erkrankt, auf internationalen Druck hin zu lebenslangem Hausarrest begnadigt wurde.

Wer war der couragierte Afrikaander, der den Titel Queen’s Counsel trug und als «Douglas Black» im Untergrund agitierte?

Wir fragten nach dem südafrikanischen Rechtsanwalt und Bürgerrechtler Abram «Bram» Fischer (1908–1975). Er gehörte ab 1956 zum Verteidigerstab der 156 AntiapartheidaktivistInnen, denen Landesverrat und Verschwörung zur Last gelegt wurden, nachdem sie in der noch heute gültigen ANC-Freiheitscharta Demokratie, Gleichberechtigung der Rassen und eine teilweise Verstaatlichung der Wirtschaft postuliert hatten. 1963 leitete Fischer die Verteidigung Nelson Mandelas und acht weiterer Mitglieder des militärischen Arms des ANC; es gelang ihm, die wegen angeblicher Vorbereitung einer kommunistischen Revolution geforderte Todesstrafe in «lebenslänglich» umzuwandeln. Seit 2013 trägt der Flughafen von Bloemfontein den Namen Bram Fischer International Airport.

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