Nr. 39/2014 vom 25.09.2014

Festival

Abseits vom grünen Teppich

Jetzt, zum zehnjährigen Jubiläum, haben sie es beim Zurich Film Festival (ZFF) auch noch gemerkt: Kino wird nicht nur von Herren gemacht! Nach acht Männern von Stephen Frears bis Michael Haneke wird tatsächlich erstmals eine Regisseurin mit dem Tribute Award geehrt, und zwar die zuverlässig unbequeme Französin Claire Denis, die sich immer wieder auf sehr eigensinnige Weise mit dem kolonialen Erbe der Grande Nation auseinandergesetzt hat. Für ihr Geschwisterdrama «Nénette et Boni» (1996) wurde sie in Locarno einst mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, doch in den letzten zwölf Jahren hat es keiner ihrer Filme mehr in die Deutschschweizer Kinos geschafft. Abhilfe bringt nun die kleine Retrospektive am ZFF: Da gibts ein Wiedersehen mit «Beau Travail» (1999), ihrem so homophilen wie hypnotischen Fremdenlegionärsfilm nach Herman Melville, aber auch ihre drei neusten Filme «35 Rhums» (2008), «White Material» (2009, mit Isabelle Huppert) und «Les Salauds» (2013).

Natürlich wird auch wieder viel Glamour eingeflogen mit prominenten Gästen wie Liam Neeson, Diane Keaton und Antonio Banderas, die entweder neue Filme dabeihaben oder, wie Cate Blanchett, das Festival bloss als Werbeträgerin einer Uhrenmarke beglücken. Aber abseits von grünem Teppich und den vielen Vorpremieren von Filmen, die bald darauf sowieso im Kino starten, findet man am ZFF durchaus auch hochpolitische Werke, die man so bald wohl nicht wieder zu sehen bekommt: etwa Sergei Loznitsas Dokumentarfilm über die Maidan-Proteste oder auch «The Look of Silence» von Joshua Oppenheimer, der sich nach seinem kontroversen Dokumentarfilm «The Act of Killing» erneut mit den politischen Massenmorden in Indonesien befasst. Und im Spielfilmwettbewerb sind wir gespannt auf den Erstling des Schweizers Simon Jaquemet, «Chrieg», der auf einer Alp mit gewalttätigen Jugendlichen spielt.

10. Zurich Film Festival in: Zürich diverse Orte. Festivalzentrum: Sechseläutenplatz. 
Do, 25. September, bis So, 5. Oktober 2014. www.zff.com

Florian Keller

Inszenierter Spaziergang

Fluchtpunkt Paradies

Was genau ist eigentlich die Grenze: Ist das überhaupt ein Ort? Ein Zwischenraum? Können wir uns darin verlieren? Was passiert mit uns da drin? Wie kommen wir auf der andern Seite heraus? Und: Können wir wieder zurück?

Das «Gelichter. Theaterkollektiv» nimmt unter der Regie von Claudia Brier von Donnerstag bis Sonntag Neugierige mit auf eine Reise, die den alltäglichen Grenzübertritt rund um den Grenzübergang Tägerwilen hinterfragt. Auf Rundgängen führen die SchauspielerInnen – mal als Fluchthelfer, mal als Schmugglerin – zu Fuss, per Schiff, Taxi oder mit dem Velo durch das schweizerisch-deutsche Grenzgebiet Kreuzlingen-Konstanz. Es wird zur Bühne für Geschichte und Geschichten, inszeniert von so unterschiedlichen Kunstschaffenden wie der Winterthurer Tanzgruppe Naway Dance oder dem Singkreis der Seniorengruppe Paradies. Am Ende trifft man sich mit Einheimischen und Fremden zum Umtrunk und Austausch über die erlebte Reise. Achtung: Ausweispapiere nicht vergessen!

«Fluchtpunkt Paradies» in: Konstanz Paradies, 
Start im Hofareal Griesseggstrasse 17, Do–So, 25.–28. September 2014, jeweils um 17.30 Uhr, 18 Uhr, 18.30 Uhr und 19 Uhr. Weitere Infos unter
 www.gelichtertheaterkollektiv.de, Ticketreservation unter ticket.fluchtpunktparadies@yahoo.com.

Franziska Meister

Literatur

Poesie vom Himmel

«Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen», sang Hildegard Knef Ende der sechziger Jahre. Nicht Rosen, sondern Gedichte regnet es heuer am «Tag der Poesie» in Basel, an dem es noch weitere poetische Überraschungen zu erleben gibt.

Gegründet hat den Tag der Poesie Matthyas Jenny bereits 1979. 1988 fand er zum letzten Mal statt, 24 Jahre später erweckte ihn Jenny gemeinsam mit Alisha Stöcklin zu neuem Leben. Zentrum des diesjährigen Poesietags ist der Münsterplatz, wo es auf einer Bühne Lesungen und Performances gibt. Mit dem Basler Black Tiger tritt ein Urgestein des Schweizer Hip-Hops auf – seit über 25 Jahren ist Urs Baur, so sein bürgerlicher Name, in der Szene aktiv. Der ehemalige WOZ-Redaktor Roger Monnerat präsentiert mit dem Musiker Stephan Anastasia musikalische Poesie, im Turmzimmer des Münsters liest Sandra Löwe Martin Heideggers «Hölderlin und das Wesen der Dichtung», in einem Kinderzelt gibt es Märchen und Geschichten für die Kleinsten.

Ein spezieller Programmpunkt ist die Lesung auf der Ueli-Fähre: Die Schauspielerin Chantal LeMoign und der Schriftsteller Roland Merk bieten «Von Sappho zu Jelinek, von Píndar zu Houellebecq. Eine Lesung durch die Weltpoesie».

«Tag der Poesie» in: Basel Münsterplatz und Ueli-Fähre, Sa, 28. September 2014, 10–18 Uhr. 
www.tagderpoesie.ch

Silvia Süess

Publikumslesung

Das Schöne am Bücherlesen ist, dass man es ganz für sich alleine machen kann. Man braucht nur das Buch, das man unter der Decke, in der Badewanne oder am Küchentisch verschlingen kann, um so in andere Welten einzutauchen.

Doch vorbei ists mit der trauten Einsamkeit der Lesenden: «Read Me» heisst die von der Theatergruppe «EberhardGalati» kuratierte Lesereihe. Während die Truppe Texte liest und das jeweilige Buch neu interpretiert, wird das Publikum gebeten, mitzumachen: Die KünstlerInnen fordern ihr Publikum auf, die Texte, die mit einem Beamer an die Wand projiziert werden, laut mitzulesen – eine Art Karaokelesung also. Die Lesung wird mit Musik ergänzt, die neue Assoziationen ermöglicht. Die Veranstaltung im September basiert auf der Textsammlung «Mittellange Minis» von Elfriede Gerstl, die Bücher der nächsten Lesungen werden per Los ausgewählt.

Also raus aus der Badewanne, rein ins «Read Me»!

«Read Me» Publikumslesung in: Zürich 
Bundeshaus zu Wiedikon, So, 28. September 2014, 
19.30 Uhr. www.eberhardgalati.ch

Silvia Süess

Theater

Kaleidoskop der Identitäten

Lassen sich die Wurzeln der eigenen Identität genetisch dingfest machen? Aber ja, verspricht eine Zürcher Firma, die Ahnenforschung per DNA-Test anbietet. Diese biologistische Verheissung hat die in Zürich ansässige ukrainisch-jüdische Künstlerin Marina Belobrovaja dazu inspiriert, 49 Juden und Jüdinnen in Europa und Israel zu ihrer Identität zu befragen. Daraus ist das Buch «The DNA Project» (2012) entstanden, und der Zürcher Theatermann Enzo Scanzi hat daraus nun mit seinem Teatro Matto eine dokumentarisch-fiktive Soiree für die Bühne eingerichtet. Scanzi und Ensemble haben die Interviews zu einem Kaleidoskop oft widersprüchlicher Identitäten, zu einem szenischen Reigen verdichtet, der um den Wunsch nach Selbstverortung kreist und die Konstruktionen, denen wir uns dabei ausliefern. Was die Sehnsucht nach nationaler Identität anrichten kann, sehen wir ja tagtäglich in den Nachrichten. Was aber geschieht, wenn soziale Zugehörigkeit von vermeintlich wissenschaftlichen Beweisen beglaubigt oder abgelöst wird?

«The Project» in: Zürich Kulturmarkt, Aemtlerstrasse 23, Fr/Sa, 26./27. September, 
Di, 30. September, bis Sa, 4. Oktober 2014, 
jeweils 20 Uhr. www.kulturmarkt.ch

Florian Keller

Konzert

Atomic aus Skandinavien

«Happy New Ears!» hiess die vierte CD des schwedisch-norwegischen Freundschaftsprojekts Atomic, das seit Jahren auf abenteuerlichen Pfaden unterwegs ist. Atomic ist eine der Gruppen, die das klischierte Gesäusel vergessen macht, das normalerweise mit skandinavischem Jazz verbunden wird. Dabei beginnen JournalistInnen regelmässig, von Weite und Einsamkeit, Wäldern und Seen zu halluzinieren. Nicht bei Atomic: Ihre Musik könnte eher aus einem Jazzclub an der 52nd Street in New York erklingen, in dem der Bebop des 21. Jahrhunderts gespielt wird. Die Jazztradition verbindet sich dabei mit der Vehemenz des freien europäischen Erbes. Atomic lassen Neues mit Ecken und Kanten entstehen und finden gelegentlich zu lyrischen Klängen.

Mit dem Trompeter Magnus Broo und dem Tenorsaxofonisten Fredrik Ljungkvist aus Stockholm sowie dem Pianisten Havard Wiik aus Oslo sind drei Musiker zu entdecken, die bis anhin hier kaum zu hören waren. Bis vor kurzem hat das wohl profilierteste norwegische Bassschlagzeugduo von Ingebrigt Haker Flaten und Paal Nilssen-Love bei Atomic für eine solide Basis gesorgt. Seit einigen Monaten sitzt der junge Hans Hulbäkmo hinter dem Schlagzeug. Ihr Repertoire stammt zu grossen Teilen aus den Federn von Ljungkvist, Broo und Wiik. Bei Atomic ist bei aller Ernsthaftigkeit der Humor nicht verloren gegangen, und gemeinsam sausen sie voller Spielfreude durch die Galaxien.

Atomic in: Zürich Rote Fabrik, 
Do, 2. Oktober 2014, 20.30 Uhr. www.rotefabrik.ch

Fredi Bosshard

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