Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Dyskalkulierende Staatsschützer

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Im Zuge der Gedenkfeierlichkeiten zum Mauerfall kam sie mir wieder in den Sinn, die Fiche. So grazil heisst bei den SchweizerInnen das, was in meiner Heimat grobschlächtig Verfassungsschutzakte genannt wird.

Ich selbst hatte weder noch. Für eine Verfassungsschutzakte war ich wohl schon zu lange in der Schweiz, für eine Fiche wiederum zu kurz. Dabei hätte ich gern eine gehabt! Dank meines Lebensgefährten kam dann aber doch noch eine in die Familie. Als Poch-Mitglied war er einst von aufmerksamen Miteidgenossen beim Plakatekleben beobachtet worden. So weit, so harmlos.

Beim Weiterlesen verging uns das Kichern. Im Sommer 1986 waren wir mit dem Auto nach Prag gereist. Unsere Fahrt hinter den Eisernen Vorhang hatte man offenbar mit Argusaugen verfolgt und unverzüglich in die Schweiz gemeldet; aber den Argus muss ein kleines Leseproblem geplagt haben: Unser sechsstelliges Kennzeichen landete mit zwei vertauschten Ziffern in der Fiche! Diese Autonummer wiederum gehörte der uns gänzlich unbekannten Frau X. Y. aus W., die ab da ebenfalls scharf beobachtet wurde und ihre eigene Fiche bekam.

Da heisst es doch immer: «Wer nichts zu verbergen hat, muss auch nichts befürchten!» Ich fürchte, bei entsprechender Gemengelage könnte die Lese- und Rechtschreibschwäche eines Schnüfflers auch mal tödlich sein.

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