Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Jetzt spricht das Publikum

Von Karin Hoffsten*

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, zumal ein Hauch Gereiztheit aus ihr spricht. Da mir nichts einfiel, beschloss ich, das Publikum selbst zu fragen, warum es eigentlich dauernd befragt wird. Es war verwirrt. «Keine Ahnung», sagte es dann, «wie meinst du das denn?» – «Irgendwie halt», antwortete ich, «auf alles bezogen!» Das Publikum dachte nach. «Weil ich so klug bin?», fragte es zögernd, und dann, etwas patzig: «Ausserdem – warum denn nicht? Ich will befragt werden!»

«Ja, aber zu allem und jedem – das ist doch blöd», meinte ich. Jetzt kam das Publikum in Fahrt. «Weil Journalisten selber keine Meinung haben und weil sie so unterbezahlt und überarbeitet sind, dass sie die Lesenden für sich arbeiten lassen!», rief es triumphierend. «Das find ich jetzt ein bisschen gemein», wandte ich ein, worauf es mit leisem Erröten einlenkte: «Also gut. Weil ich halt gern das Gefühl hab, dass ich auch mitreden darf.» Doch schon wurde es wieder unleidig: «Obwohl ich das ja in Wirklichkeit gar nicht darf! Ich soll bloss das Gefühl haben, ich wäre wichtig!»

Mir riss der Geduldsfaden: «Jetzt brems dich mal! Diesmal konntest du die ganze WOZ bestimmen – und sie ist sogar dicker als sonst!» Da endlich strahlte das Publikum mich an; und mit einem zufriedenen Seufzer begann es zu lesen, was es sich gewünscht hatte. kho

* Wunsch von Elisabeth Stotz: «Warum wird zu allem 
das Publikum 
befragt?»

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