Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Der künstlerisch begabte Spötter

Von Brigitte Matern

Birnen, überall Birnen, in jeder Grösse und Form, an Hauswänden, Gefängnismauern – die französische Justiz hatte ihrem König einen Bärendienst erwiesen, als sie den Publizisten 1832 wegen Majestätsbeleidigung verurteilte. Dieser hatte in seinem Blatt eine Karikatur Louis-Philippes I. veröffentlicht und nutzte nun den Prozess, um die offiziell nicht eingestandene Pressezensur ad absurdum zu führen: Er zeichnete den Kopf der beleidigten Majestät, verwandelte diesen in drei weiteren Skizzen in eine Birne und fragte nun, ob man nicht konsequenterweise jeden Zeichner «für eine Birne, eine Brioche, für alle grotesken Köpfe, die durch Zufall oder Bosheit eine traurige Ähnlichkeit» mit dem König aufwiesen, verurteilen müsse. Während der Herausgeber der Wochenzeitschrift «La Caricature» seine sechsmonatige Haftstrafe absass, wurde die Birne zum Symbol des antimonarchischen Widerstands.

Der 1800 in Lyon geborene Sohn eines Tapetenfabrikanten hatte künstlerisches Talent, er studierte an der École des Beaux-Arts, ging mit neunzehn nach Paris und lernte dort die Lithografie kennen, eine Drucktechnik, dank derer erstmals auch Bilder in höheren Auflagen reproduziert werden konnten. Und er begriff sofort: In einer Zeit, in der Bürgertum und Proletariat hoch politisiert waren und rund drei Viertel der Bevölkerung nicht lesen konnten, war die satirische Zeichnung eine mächtige Waffe.

1829 stieg er bei der illustrierten Wochenzeitschrift «La Silhouette» mit ein, kurze Zeit später gab er – mit Zeichnern wie Honoré Daumier und Grandville an der Seite – seine eigene Wochenzeitschrift und eine Tageszeitung, «Le Charivari» (Katzenmusik), heraus. Immer wieder führten die provokanten Bildkommentare gegen Klerus, Hochfinanz und Königtum zu Redaktionsdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und hohen Geldstrafen (die meist von den LeserInnen bezahlt wurden). Sechsmal stand er vor Gericht, insgesamt dreizehn Monate sass er im Gefängnis; doch immer wieder sorgte er dafür, dass das Lachen über die Mächtigen nicht ganz verschwand, indem er neue Publikationen gründete, vordergründig unpolitischer wurde.

Wer war der unermüdliche Verteidiger der politischen Karikatur, der in Bild und Wort zwei bürgerliche Revolutionen (1830, 1848) begleitete und mit 61 Jahren starb?

Wir fragten nach nach dem französischen Karikaturisten und Publizisten ­Charles ­Philipon (1800–1862). «La Ca­ri­ca­ture» und die etwas billiger produzierte Tageszeitung «Le Charivari» bestanden aus vier beziehungsweise drei Seiten Text und zwei lose eingelegten beziehungsweise einer eingedruckten Lithografie. Beide waren im Abo zu beziehen, lagen aber auch in Cafés, Theatern und Bibliotheken aus. Seine letzte Gründung war 1856 das satirische Wochenblatt «Le Journal amusant». «Le Charivari» stellte erst 1937 das Erscheinen ein. Die Birne hatte Anfang der achtziger Jahre einen ähnlichen Erfolg wie zu Zeiten Louis-Phi­lippes, als der Karikaturist Hans Traxler Helmut Kohl in Birnenform darstellte; damals wurde die Frucht zum Synonym für den Kanzler.

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