Kultour :

Nr. 6 -

Konzert

Avantgarage

Die «Avantgarage» schlägt zurück. So pflegten Pere Ubu ihre Abart von Punk zu nennen, mit bezeichnendem Sinn fürs Widersprüchliche. Die 1975 gegründete Band um den unförmigen Sänger David Thomas war immer alles auf einmal: brachial und intellektuell, progressiv und archaisch, irgendwie Punk, aber auch das Gegenteil davon. Avantgarde aus der Garage eben. Ihren Namen haben Pere Ubu von einer Bühnenfigur des französischen Proto-Surrealisten Alfred Jarry, und mit einem so illustren Ahnherrn war es nur folgerichtig, dass David Thomas in den britischen Punks der Sex Pistols nichts als destruktive Kindsköpfe sah. Lange ist das her.

Inzwischen ist Thomas das einzige verbliebene Urmitglied, und auf dem jüngsten Album «Carnival of Souls» (2014) zeigt sich der 61-Jährige mit seinen Getreuen von Pere Ubu unverdrossen unberechenbar. Gradliniger Gitarrenkrach und dissonante Kammermusik, elektronische Störgeräusche mit sinistrer Schlagseite oder auch mal eine geisterhafte Ballade mit Klarinette: Alles ist möglich und manchmal sogar alles gleichzeitig. Sicher ist nur: Nichts ist sicher bei Pere Ubu.

Pere Ubu in: Winterthur Salzhaus, Do, 5. Februar 2015, 21 Uhr. Genf Cave 12, Fr, 6. Februar 2015, 22.30 Uhr. Bern Dachstock Reitschule, Sa, 7. Februar 2015, 22 Uhr.

Florian Keller

Ausstellung

Wie ein Buch entsteht

Wie wird eine Idee zum Buch? Was ist auf dem Weg dahin die Aufgabe eines Verlags? Wozu braucht es einen solchen überhaupt? Antworten auf diese Fragen finden sich im Projekt «Publishers in Residence. Ein Blick in die Verlagswelt» im Zürcher Museum Strauhof. In einer Ausstellung präsentieren sich von Februar bis April rund dreissig Deutschschweizer Verlage und geben Einblick in ihren Arbeitsalltag.

Jeden Donnerstag zügelt ein Verlag sein Büro in den Strauhof und geht hier, beobachtet von den BesucherInnen, seiner alltäglichen Arbeit nach. Den Auftakt von «Heute im Büro» macht am Donnerstag, den 5. Februar, Sabine Dörlemann vom Dörlemann-Verlag. Sie trifft die letzten Vorbereitungen für die Buchvernissage von Jens Steiners neuem Roman «Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit». Am Freitag folgt eine Diskussion zum Thema «E-Books-Selfpublishing oder Wozu braucht es noch Verlage?» mit Sabine Dörlemann, André Gstettenhofer vom Salis-Verlag sowie der Selfpublishing-Autorin Virginia Fox und dem Selfpublishing-Experten Matthias Matting. Weitere Diskussionen, Workshops und Präsentationen finden bis Ende April im Museum statt.

«Publisher in Residence. Ein Blick in die Verlagswelt» in: Zürich Museum Strauhof, bis Sa, 25. April 2015. www.publishersinresidence.ch

Silvia Süess

Theater

Wer wird gerettet?

Stellen Sie sich vor, Sie erleiden Schiffbruch und treiben mit Ihren beiden Kindern auf hoher See auf einem Brett herum. Sie wissen, alle drei zusammen sind Sie für das Brett zu schwer, doch zu zweit könnten Sie überleben. Was machen Sie? Würden Sie ein Kind und sich retten? Wenn ja, welches? Und warum?

«Punkt zwölf. Tam Oniki» lautet der Titel des neuen Stücks der Theatergruppe Ararat, in dem sich die SchauspielerInnen mit dem Thema der Rettung auseinandersetzen. Die zentrale Frage im Stück lautet: Wenn es nur für eine beschränkte Anzahl Menschen Sicherheit gibt, wer darf oder soll dann gerettet werden? Die Figuren werden auf die Probe gestellt: Entscheiden sie nach persönlichen Bedürfnissen, oder machen sie das, was fürs Gemeinwohl richtig scheint?

«Punkt zwölf. Tam Oniki» ist das fünfte Stück der 1998 anlässlich der kurdischen Kulturwochen gegründeten Gruppe Ararat. Unter der Regie von Mägie Kaspar spielen LaienschauspielerInnen, die jedoch viel Erfahrung auf der Bühne mitbringen. Und mit Fidan Firat ist auch die Hauptdarstellerin von Nino Jacussos Film «Escape to Paradise» (2001) dabei.

«Punkt zwölf. Tam Oniki» in: Bern Tojo, Do–Sa, 5.–7. Februar 2015, jeweils 20.30 Uhr. www.tojo.ch

Silvia Süess

Film

Svankmajers Wurzelbaby

Ein bisschen heidnischer Irrsinn gefällig, um den Winter auszutreiben? Da hätten wir «Little Otik» (2000) parat, ein schön grausiges Fruchtbarkeitsmärchen im Zürcher Filmpodium, zum Abschluss der Reihe mit neuem tschechischem und slowakischem Kino. Ein junges Paar, der Mann ist zeugungsunfähig, die Frau aber wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Und weil dem Manne nicht geholfen werden kann, hilft er sich selbst: Er schenkt seiner Frau einen Wurzelstock, der äusserlich entfernt – sehr entfernt – an ein Baby erinnert, und sie geht förmlich schwanger mit dem Ding. Aber wir wissen ja, dass man vorsichtig sein soll mit Wünschen, weil sie in Erfüllung gehen könnten. Die Frau bemuttert ihr Wunschbaby so innigst, dass sie die Wurzel, Pardon, ihr Kind damit zum Leben erweckt – und dieses wächst bald zu einem monströsen Unwesen mit unersättlichem Hunger heran.

So ist das bei Jan Svankmajer, dem grossen Surrealisten des Animationsfilms, der hier seine wuchernde Stop-Motion-Technik in den Dienst eines Spielfilms stellt. Der Stoff geht zurück auf ein tschechisches Märchen von einem gefrässigen Holzscheit namens Otesanek, und auch wenn Svankmajers filmische Interpretation ihre Längen hat: Diese Horrormär über elterliche Zuneigung für einen Dämon darf man getrost als grotesken kleinen Bruder von «Rosemary’s Baby» (1968) feiern.

«Little Otik» in: Zürich Filmpodium, Do, 5. Februar 2015, 20.45 Uhr; Do, 12. Februar 2015, 15 Uhr; Fr, 13. Februar 2015, 18.15 Uhr. www.filmpodium.ch

Florian Keller

Slam Poetry

Schnell aus der Hüfte

Chicago kommt ins Zürcher Unterland. Oder zumindest eine Whiskeyflasche, wie sie in Chicago 1986 beim ersten Poetry Slam als Preis ausgesetzt war. Mittlerweile hat sich der unedle DichterInnenwettstreit im deutschsprachigen Raum längst als neue Veranstaltungs- und Kunstform durchgesetzt. Auch im Zürcher Unterland. Geslammt werden soll am Samstag, dem 7. Februar, im Dielsdorfer Kulturtreffpunkt Philosophe, und zwar von bekannteren, aber ungenannten PoetInnen ebenso wie von AnfängerInnen am Open Mic. Durch den Abend führt Hazel Brugger, Slam-Schweizer-Meisterin 2013, Kolumnistin, und mit 21 Jahren bereits eine feste Grösse der Szene. Wie die anderen Stars der spontanen Verfertigung frecher Gedanken schiesst sie schnell aus der Hüfte, auch über Dielsdorf, wo sie mal zur Schule ging.

Poetry Slam mit Hazel Brugger in: 
Dielsdorf Philosophe, Sa, 7. Februar 2015, 20.15 Uhr. 
www.philosophe.ch

Stefan Howald

Ausstellung

Erotisches und Kafka

WOZ-Leserinnen und -Leser kennen ihre Miniatur-Piktogramme in Schwarzweiss, die auf Rubriken und Serien in der Zeitung hinweisen: die Frau, die aus der Schachtel kriecht, einen Herzballon am Handgelenk trägt oder einen riesigen Briefumschlag hinter sich herzieht. Das sind kleine Reminiszenzen an ihr farbiges, grosses und gleichzeitig filigranes Werk aus Collagen, gefertigt mit Schere und Papier. Ein mitunter biografisch inspiriertes Werk, das Frauen in den Mittelpunkt stellt und Themen wie Weiblichkeit, Erotik, Sexualität und Beziehung verfolgt.

Jetzt erscheint im Pariser Verlag Les Cahiers dessinés der mittlerweile dritte Bildband von Anna Sommer: «Les Grandes Filles». Er versammelt Collagen, in sechs thematischen Abteilungen angeordnet, darunter Selbstporträts und Porträts von KünstlerInnen wie Serge Gainsbourg und Jane Birkin, vermenschlichte Tiere in «Les Bêtes du Salon», Erotisches in den «Couplages» oder eine Serie zu Franz Kafka in «Le Jardin des Lettres». Sommers Darstellungen sind dabei so subtil wie subversiv – und stets verbunden mit einem Augenzwinkern. Am Erscheinungstag dieser WOZ findet in der Galerie Richterbuxtorf in Lausanne nicht nur die Vernissage von «Les Grandes Filles» statt. Die Galerie ehrt Anna Sommer zudem mit einer Ausstellung zu ihrem Werk – aber nur für drei Tage. Also auf nach Lausanne!

Anna Sommer: «Les Grandes Filles» in: 
Lausanne Espace Richterbuxtorf, Do–Sa, 
5.–7. Februar 2015; Vernissage in Anwesenheit der Künstlerin am Do, 5. Februar 2015, ab 17.30 Uhr. 
www.richterbuxtorf.ch

Franziska Meister