Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Vernissage

«Ausser Betrieb»

«… sie ghöömen am sächsi und göön am zwai, und ghöömen am zwai und göön am achti …» – worüber sich der Kabarettist Alfred Rasser 1961 in «Demokrat Läppli» noch mokieren konnte, das kennen heute die meisten allenfalls noch aus der Erinnerung: geregelte Arbeitszeiten im Betrieb. Was war Arbeit gestern, was ist sie heute, und was ist mit der gegenwärtigen «Krise der Arbeit» gemeint? Über diese Fragen diskutieren die HistorikerInnen Jakob Tanner und Brigitta Bernet mit der Soziologin Claudia Honegger und dem ehemaligen Gewerkschafter Hans Schäppi am 13. März im Sozialarchiv Zürich.

Mit dem Tram durch die «Global City» Glattal: Ein Fotoessay ist Teil eines Buchs über «Metamorphosen der Arbeit in der Schweiz». Foto: Eva Lüthi, Limmat Verlag

Anlass ist die Vernissage eines Sammelbandes rund um «Metamorphosen der Arbeit in der Schweiz», den Tanner und Bernet herausgeben. Darin untersuchen über ein Dutzend HistorikerInnen die vielfältigen Arbeitsformen ausserhalb von Industriebetrieben im 20. Jahrhundert – darunter den Arbeitsalltag von Handelsreisenden oder Strafgefangenen, die Politisierung der Hausarbeit, Gewerkschaftsarbeit oder auch die boomende Fitnesskultur. Den Auftakt macht ein wunderschöner Fotoessay von Eva Lüthi (Bild) und Thomas Hengartner (Text) über die «Werkhöfe der Spätmoderne» am Beispiel einer Tramfahrt mit der Linie 10 durch das Zürcher Glatttal, das alle Merkmale einer «Global City» zeigt: Gebäude aus Stahl, Glas und Beton mit Namen wie «Airgate», «Maintower» oder «Lightcube» und Menschen beiderlei Geschlechts, die sich mit dezent-dunklen Anzügen und Lifestyle-Gadgets wie Smartphone und Rollkoffer als Angehörige einer entgrenzten Businessclass zu erkennen geben. Aber keine Angst: Lüthi und Hengartner blicken auch hinter die Fassaden.

Vernissage «Ausser Betrieb» in: Zürich Sozialarchiv, Fr, 13. März 2015, 19 Uhr. Einführung: Jakob Tanner, Moderation: Caroline Arni. www.sozialarchiv.ch

Franziska Meister

Festival

Secondo

In den Theaterhäusern, in Kinder- oder Jugendtheatergruppen ebenso wie in Schauspielschulen sind MigrantInnen kaum präsent. Die Theaterwelt der Schweiz hinkt der gesellschaftlichen Realität hinterher. Nicht so am Secondo Theaterfestival, das dieses Jahr zum achten Mal stattfindet. Hier stehen Theaterprojekte im Zentrum, die sich sowohl inhaltlich wie formal mit interkulturellen Themen wie Heimat, Sprache, Identität, Liebe, Tradition und Kultur beschäftigen.

Unter den fünf Stücken, die dieses Jahr im Theater Tuchlaube in Aarau zu sehen sind, ist auch «Angeklagt» der Berner Gruppe lux & ludus, die den Monolog aus Mariella Mehrs gleichnamigem Buch eindrücklich auf der Bühne umsetzt. Zu sehen ist auch «Söhne» der Volksbühne Basel. In diesem Stück lässt Regisseurin Anina Jendreyko fünf Männer als Zufallsgemeinschaft in einem Bahnhofsimbiss aufeinandertreffen. Hier erzählen sie aus ihrem Leben und sinnieren über ihre Schicksale. Mit «Arabboy. Das kurze Leben des Rashid A.» von Nicole Oder (Text und Regie) ist eine Berliner Produktion zu Gast: Erzählt wird die wahre Geschichte von Rashid A., der als Sohn eines Kurden und einer Palästinenserin zum Kiezkönig von Neukölln wurde. Aus Biel ist die Truppe Cie trop cher to share mit dem Stück «Arcadia. Une expérience de terrain», und ebenfalls aus Basel kommen I Pelati delicati mit dem Stück «Svizzenesse». Den Abschluss macht der Komiker Charles Nguela, der sich in seinen Shows immer wieder mit seiner eigenen Hautfarbe auseinandersetzt, mit seinem Programm «Schwarze Schweiz». Begleitet werden die Theateraufführungen von Diskussionen zum Thema der fehlenden Repräsentation der Schweizer Migrationsgesellschaft auf der Bühne.

8. Secondo Theaterfestival in: Aarau Theater Tuchlaube, Do, 12., bis So, 15. März 2015. 
www.secondofestival.ch

Silvia Süess

Theater

Hinter der Kulisse

WOZ-LeserInnen kennen Eva Pfister als profunde Literaturkennerin und -kritikerin. Seit Jahren schreibt die Journalistin und Dramatikerin in der WOZ Buchkritiken. Pfister ist allerdings auch Autorin mehrerer Theaterstücke: Ihr erstes, «Die Nachtigallen vom East End», schrieb sie 2001, ein Jahr später folgte «Mister Butterfly». Dieses «Stück für einen Schauspieler» kommt nun in Burgdorf in berndeutscher Fassung von Ulrich Simon Eggimann auf die Bühne. Franz Mumenthaler spielt den Inspizienten Alfred Wimmer.

Ein Inspizient ist der unsichtbare Protagonist jeder Theateraufführung: Er ruft die Schauspieler rechtzeitig auf die Bühne, gibt den Tontechnikerinnen Zeichen für ihren Einsatz und den Bühnentechnikern eines für den Umbau. Meist standen die InspizientInnen früher selber im Rampenlicht und mussten aus irgendeinem Grund ihre Karriere abbrechen. In «Mister Butterfly» tritt Inspizient Wimmer aus dem Dunkeln ins Licht und erzählt von seiner Arbeit und aus seinem Leben.

«Mister Butterfly» in: Burgdorf Casino Theater, Premiere: Fr, 13. März 2015, 20 Uhr. Weitere Vorführungen: So, 15. März 2015, 17 Uhr, und 
Do, 26. März 2015, 20 Uhr. www.theaterburgdorf.ch

Silvia Süess

Fundamentalisten

Erhabenheit, Schönheit, Wahrheit, das Festhalten sowie die Formfindung des Flüchtigen – die Theatergruppe Schauplatz International stellt sich diesen ungreifbaren Grössen der menschlichen Vorstellungswelt, nähert sich ihnen an, lobpreist sie und demaskiert sie. Ihr neues Stück heisst «Fundamentalisten» und bildet nach «Idealisten» den zweiten Teil einer Trilogie, die 2016 mit dem Projekt «Egoisten» ihren Abschluss finden soll. Die von Bern und Berlin aus agierende Gruppe, deren Hauptakteure Anna-Lisa Ellend, Lars Studer und Albert Liebl (und bis vor kurzem noch Martin Bieri) regelmässig mit anderen KünstlerInnen zusammenarbeiten, setzte sich für diese subjektive Inszenierung dessen, was sich letztlich nicht sichtbar machen lässt, mit zwei historischen Figuren des 19. Jahrhunderts auseinander: mit dem Architekten, Kunsthistoriker und Restaurator Eugène Viollet-le-Duc und mit John Ruskin, seines Zeichens Schriftsteller, Künstler, Philosoph und einer der ersten William-Turner-Sammler.

Mit Werner Herzogs Film «Die grosse Ekstase des Bildschnitzers Steiner» und mit Beobachtungen zum 19. Jahrhundert als Zeitalter des Okkultismus und der Flucht vor der Vernunft sind die weiteren Ausgangspunkte für das Projekt durchaus subtiler, aber genauso imposant und fruchtbar. Nichts weniger Fundamentales als die Wahrheit im künstlerischen Ausdruck verspricht hier, mit einer radikalen und pointierten Schärfe in der Leichtigkeit, umspielt zu werden.

«Fundamentalisten» in: Bern Schlachthaus Theater, Fr, 13. März 2015, 20.30 Uhr, Premiere. Weitere Vorführungen: So, 15. März 2015, 16 Uhr, sowie Do–Sa, 19.–21. März 2015, 20.30 Uhr. www.schlachthaus.ch

Stephanie Danner

Film

Godard geht in die Tiefe

Eigentlich überfällig: Bei der Verleihung des Schweizer Filmpreises am 13. März in Genf wird Jean-Luc Godard für sein Lebenswerk geehrt. Sein neustes Werk, «Adieu au langage», vom Verband der US-Filmkritik zum besten Film des vergangenen Jahres erkoren, gelangt derweil nur dank seines Kameramanns Fabrice Aragno in ausgewählte Schweizer Kinos, die er dazu eigens mit dem nötigen 3-D-Equipment ausrüstet. Und natürlich ist nichts an dem Film so eindeutig oder endgültig, wie sein Titel suggeriert. «Adieu au langage» ist nicht einfach Godards Abschiedsgruss an die Sprache, sondern man muss das auch als doppelten Stossseufzer an die Götter und die Sprache hören: «Ah, dieux! Oh, langage!»

Es geht um nichts, also um alles: Jean-Luc Godard (rechts) und sein enthusiastischer Kameramann Fabrice Aragno. Foto: Jean-Paul Battaggia

Zu ergänzen wäre: Ah, Technik! Von Godards fragmentarischen Denkspiralen mag man halten, was man will, aber es ist schon verrückt, wie uns dieser Mann von 84 Jahren vor Augen führt, was man mit 3-D alles anstellen könnte, wenn man die Möglichkeiten des Mediums ausreizen würde, als wäre es eben erst erfunden worden. Da spaltet sich eine Szene, indem sich das stereoskopische Bild vor unseren Augen trennt – ehe die Bilder wieder verschmelzen. Und wenn auf dem Genfersee ein Ausflugsschiff aufkreuzt, zeigt Godard mal eben kurz, wie das geht: eine räumliche Illusion, wie man sie in so hyperrealistischer Schärfe noch nie gesehen hat im Kino.

Aber worum gehts? Um nichts, also um alles. Um die revolutionäre Kraft der Zeichen. Um uns Däumlinge, die wir wie besessen unsere Smartphones streicheln. Um das Denken und die Scheisse und warum das manchmal dasselbe ist. Dazwischen sehen wir immer wieder Godards Hund Roxy durchs Unterholz streunen. Und in Godards Küche, wie als ewiges Selbstzitat, Szenen einer Ehe: ein Mann und eine Frau, die Frau natürlich meist knapp oder gar nicht bekleidet.

«Wer keine Fantasie hat, flieht in die Wirklichkeit.» So heisst es zu Beginn des Films, und bei Godard soll man das wohl auch als Wink ans Publikum verstehen: Wer die eigene Fantasie nicht ins Kino mitbringt, kann ja gleich wieder nach draussen gehen.

«Adieu au langage» in: Zürich Kino Xenix. 
Bis 25. März 2015. www.xenix.ch

Florian Keller

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