Nr. 17/2015 vom 23.04.2015

Ausstellung

Ein wildes Haustier des Menschen

Jetzt kommen sie wieder, umtänzeln unsern blühenden Rosmarin: die Wildbienen, die jeden Frühling für ein paar Wochen auf unserm Balkon nisten. Sie sind wohl eher eine Ausnahme. Normalerweise leben Wildbienen recht einsiedlerisch und graben sich eigene Erdhöhlen. Ganz im Gegensatz dazu leben Honigbienen in grossen Völkern zusammen und bilden einen eigenen sozialen Organismus.

Bienen faszinieren uns nicht erst seit Markus Imhoofs Film «More than Honey» (2012). Bereits in der Antike lieferten sie den Menschen Honig und Kerzenwachs, waren Teil religiöser Symbole und Rituale wie etwa Bienenbeschwörungen. Die älteste erhaltene Bienenbeschwörung in lateinischer Sprache ist der «St. Galler Bienensegen», festgehalten in einem Bischofsbrief aus dem spätantiken Gallien. Ab Ende April kann er als Teil einer grossen Sonderausstellung rund um die Wunderwelt der Bienen im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen bewundert werden. Sie widmet sich der Kulturgeschichte wie auch der Biologie der Bienen, führt mit Objekten, Modellen, Animationen, Filmen und Duftessenzen mitten in die noch immer nicht völlig gelüfteten Geheimnisse des Bienenstaats. Ein begehbarer Bienenstock – eine Klangskulptur der Musiker Beat Hofmann und Andrew Phillips – sowie Vorträge, Exkursionen und eine Theateraufführung ergänzen die Ausstellung.

«Bienen. Bedrohte Wunderwelt» in: Schaffhausen Museum zu Allerheiligen, Vernissage 
am Mi, 29. April 2015, 18.15 Uhr; Do, 30. April 2015, 
bis So, 20. September 2015. www.allerheiligen.ch

Franziska Meister

Wer wo und wie mitreden darf

Der Titel dieser Ausstellung – «Demokratie! Von der Guillotine zum Like-Button» – ist ein bisschen prekär: Sollte die moderne Demokratie tatsächlich mit den Hinrichtungen während der Französischen Revolution begonnen haben? Aber das wird ja sicherlich als dialektischer Umschlag des ursprünglichen Gleichheitsversprechens thematisiert. Denn Letzteres brachten die französischen Heere 1798 auch in die Schweiz, wo es in den Untertanengebieten des Aargau besonders begierig aufgegriffen wurde, was Aarau zum kurzlebigen Zentrum der Helvetik machte.

Von diesem lokalhistorischen Ausgangspunkt spannt die Ausstellung im Aarauer Stadtmuseum einen breiten Bogen über zwei Jahrhunderte. Sie zeigt, wie das Recht auf demokratische Mitsprache erkämpft wurde und wie es sich konkret umsetzt. Grossmütter erzählen ihren Enkelkindern, wie es war, als man noch nicht und dann plötzlich abstimmen und wählen durfte, und Enkelkinder können im Museum mitreden, ob sie schon mit sechzehn Jahren im Staat mitwirken sollten. Ein besonderes Augenmerk gilt dem im zweiten Titelbegriff anvisierten Internet. Eine Installation erkundet die Möglichkeiten und Grenzen der freien Meinungsäusserung. «Ist ‹liken› bereits eine demokratische Partizipation?», wird gefragt, und man könnte zurückfragen, ob das wirklich eine Frage sei. Jedenfalls geht es zum Schluss anhand eines Crowdfundingprojekts um den Preis der Demokratie. Ein paar «likes» sollte sie uns schon wert sein.

Mit dieser Ausstellung präsentiert sich das Stadtmuseum nach dreijähriger Renovation im aufgehellten Licht. Die neue Dauerausstellung bietet «100 x Aarau», Geschichten von Menschen, die ihre Spuren vor Ort hinterlassen haben; das Eröffnungsfest übers Wochenende bietet ein buntes Programm.

«Demokratie! Von der Guillotine zum Like-Button» in: Aarau, Stadtmuseum, Schlossplatz 23. Eröffnungsfest Fr–So, 24.–26. April 2015. 
www.museumaarau.ch

Stefan Howald

Vortrag

Bitte nicht leise sein!

Bibliotheken stehen vor grossen Herausforderungen: Sie müssen ihre Bestände digitalisieren und in neuer Form zugänglich machen. «Die komplizierteste und wichtigste Aufgabe einer Bibliothek ist es, ihre Bestände verfügbar zu machen», schreibt die Literaturwissenschaftlerin Martina Süess. «Dazu muss sie ihr Material ordnen.» Doch nach welchen Kriterien soll das geschehen? Süess hat sich im Rahmen ihrer Forschungen mit dieser Frage auseinandergesetzt und beleuchtet sie in einem Vortrag im Sitterwerk in St. Gallen von verschiedenen Seiten.

Die Kunstbibliothek im Sitterwerk ist eine Präsenzbibliothek und umfasst ungefähr 25 000 Bücher zu Kunst, Architektur und deren Geschichte. Die Bücher werden zurzeit neu erfasst und katalogisiert. Allerdings nicht mit den für Bibliotheken üblichen Signaturetiketten, sondern mit Funketiketten. Diese lassen sich von einer Antenne mittels Radiowellen gezielt aktivieren und senden spezifische Signale aus. So kann der Ort der Bücher jederzeit identifiziert werden. Es herrscht im Sitterwerk also eine dynamische Ordnung, und die Bücher stehen nicht – wie in herkömmlichen Bibliotheken üblich – stets an ihrem fixen Platz. Wie das genau funktioniert, kann nach dem Vortrag sicher noch ausprobiert werden.

«Der Traum von der perfekten Ordnung: Bibliotheksgeschichten». Vortrag von Martina Süess in: St. Gallen Sitterwerk, Do, 30. April 2015, 19 Uhr. www.sitterwerk.ch

Silvia Süess

Theater

Magie der Kunst

Skelette tanzen. Eine Schlange zischt vorbei. Eine Frau probt. Die Frau nennt sich Olga. Der Musiker Rob tüftelt an seinem Sound, und David stellt die Scheinwerfer richtig ein. Ein Stück entsteht.

Die Schauspielerin Eve Lyn Scheiben und der Techniker David Grütter, der als Strassenkünstler quer durch Europa gereist ist, haben gemeinsam ein Stück kreiert, in dem die Magie der Kunst im Zentrum steht. Teile des Stücks wurden durch eine Performance von Scheiben am Berner Strassenmusikfestival Buskers inspiriert. Für die Klänge ist Robert Aeberhard zuständig, der auch als eine Hälfte des Duos Fitzgerald & Rimini bekannt ist.

In ihrer «Werkstatt-Performance-Show» werden Eve Lyn, Rob und David auf der Bühne die Skelette tanzen lassen, Messer werfen, Funken sprühen und die Bühne in einen poetischen Ort verzaubern.

«Gefiederte Scheinwerfer – Kann deine Kunst zaubern?» in: Bern Heitere Fahne, Do, 23. April 2015, 
20 Uhr, anschliessend Premierenparty. Weitere Vorführungen: Fr, 24., und Di, 28. April 2015, 20 Uhr.

Silvia Süess

Festival

Wechselgänger im Tessin

«Cambio/Change/Wechsel» nennt sich das 10. Internationale Literaturfestival in Chiasso. Eurokrise!, lässt sich dabei denken, Einkaufstourismus, auch an die im Tessin zuweilen polarisierenden GrenzgängerInnen. Für die Literatur geht es natürlich noch um andere Dinge, wobei der «Wechsel» des Titels zum tiefgreifenderen «Cambiamento» (Wandel, Umbruch) changieren kann.

Über zwanzig AutorInnen, Musiker und KünstlerInnen aus einem halben Dutzend Länder werden teilnehmen; darunter die AutorInnen Mikael Niemi (Schweden), Noëlle Revaz (Schweiz), Luiz Ruffato (Brasilien), Michail Schischkin (Russland) und Domenico Starnone (Italien), die Regisseurin Sabina Guzzanti (Italien), der bildende Künstler Daniel Spoerri (Schweiz) und der Musiker Manu Dibango (Kamerun). Die Veranstaltungen finden in der Muttersprache der KünstlerInnen und auf Italienisch statt.

Neben eher traditionellen Diskussionen und Lesungen gibt es auch speziellere Veranstaltungen. So wird Pedro Lenz mit GymnasiastInnen über die italienische Version seines Erfolgsromans «Der Goalie bin ig» diskutieren. Alberto Arbasino, expressionistischer Autor aus Italien, dann profilierter Fernsehmoderator, wird mit der Ehrenmedaille der Stadt Chiasso für ein Buch ausgezeichnet, das die Grenzstadt auf die literarische Landkarte gesetzt hat. Schliesslich werden in «Speciale Chiasso» auf einem Spaziergang Orte mit literarischer Bedeutung und Flair aufgespürt. Insgesamt gibt es da also einiges zu entdecken, jenseits der Wechselstube und des womöglich frühlingshaften Wetters.

«Cambio/Change/Wechsel» – Chiasso Letteraria – 10. Internationales Literaturfestival in: 
Chiasso Spazio Officina, Cinema Teatro und an anderen Orten. Mi, 29. April 2015, bis So, 3. Mai 2015. 
www.chiassoletteraria.ch

Stefan Howald

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch