Kultour :

Nr.  22 –

Konzert

Noura Mint Seymali

Sie sei in der Musik aufgewachsen, erinnert sich Noura Mint Seymali. Die Mauretanierin wurde in eine Familie von Griots und Griottes geboren, wie die Musikerinnen, Sänger und Geschichtenerzählerinnen in Westafrika heissen. Die Grossmutter brachte ihr das Spiel auf der Ardine bei, einer Harfe mit neun Saiten, der Vater gab ihr als Komponist technisches Wissen weiter. Die traditionelle Volksmusik aus Mauretanien schloss Noura Mint Seymali mit ihrer Band an die Verstärker des globalen Pop an. Ehemann Jeiche Ould Chighaly spielt die Gitarre, hinzu kommen ein Bassist und ein Drummer. In der Fusion entsteht ein psychedelischer Blues, der von Seymalis tiefgründiger Stimme getragen wird. In ihrer Musik will sie nicht ihre Herkunft überwinden, sondern sie erweitern und öffnen. In einem Interview mit dem Musikblog «Quietus» sagt Seymali: «Die mauretanische Musik ist wie der Jazz, sie kann durch unzählige Prismen gesehen werden, und doch bleibt ihr Kern bestehen.» Das letztjährige Album «Tzenni» wurde von der Musikpresse im Norden gefeiert. Tzenni heisst so viel wie Kreisbewegung, und das passt sehr gut zu diesem treibenden, fast schon hypnotischen Sound.

Noura Mint Seymali in: Düdingen Bad Bonn Kilbi, Sa, 30. Mai 2015, 19 Uhr; in: St. Gallen Palace, 
So, 31. Mai 2015, 20 Uhr.

Kaspar Surber

Festival

Iranische Filme

In den letzten Jahren hat das iranische Filmschaffen immer wieder von sich reden gemacht. Und natürlich auch die Zensur im Lande herausgefordert. So hat Jafar Panahi mit seinem Film «Taxi», den er heimlich produzierte, weil im eigenen Land ein Berufsverbot gegen ihn verhängt worden war, dieses Jahr in Berlin den Goldenen Bären für den besten Film gewonnen. «Taxi» startet im Juli in der Schweiz.

Einen Einblick in das Filmschaffen des Landes bietet vorher das iranische Filmfestival in Zürich. Eröffnet wird es mit dem Kurzfilm «Parvaneh» der schweizerisch-iranischen Regisseurin Talkhon Hamzavi, die 2015 bei der Oscar-Verleihung für den besten Kurzfilm nominiert war. Mit Pouran Derakhshandehs «Hush! Girls Don’t Scream» ist ein Spielfilm einer gestandenen iranischen Filmemacherin zu sehen, der sich mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern auseinandersetzt. Um den alltäglichen Kampf ums Geld geht es in mehreren Filmen: Die junge, schwangere Frau, die sich in Reza Mirkarimis «Today» im Taxi ins Spital fahren lässt, kann die Spitalkosten nicht bezahlen. Parviz in Majid Barzegars «Parviz» ist auch mit fünfzig noch finanziell von seinem Vater abhängig, und «Tragedy» von Azita Mougouie erzählt von der Armut, in die eine Familie fällt, als der Vater durch einen Unfall arbeitsunfähig wird.

Iranian Film Festival Zurich in: 
Zürich Stüssihof, Do, 28. Mai 2015, bis Mi, 3. Juni 2015. 
www.iranianfilmfestival.ch

Silvia Süess

Kunst

Albert Oehlen

Er ist einer jener Künstler, die weder ihr Medium noch ihr Publikum und am wenigsten sich selbst schonen. Albert Oehlen, Maler, Konzeptkünstler und Musiker, 1954 in Deutschland geboren, lebt seit über zehn Jahren im Appenzellerland. Bereits 1987 war er mit seiner ersten grossen Einzelausstellung, «Abräumung», in der Kunsthalle Zürich zu Gast. Nun kehrt der «Postungegenständliche» – wie er sich selbst humorvoll nennt – zurück. «An Old Painting in Spirit» heisst die Ausstellung, die bedeutende Werke aus den achtziger Jahren mit zwei neuen Malereizyklen und einer Auswahl von selten gezeigten Zeichnungen vereint.

Eine grosse Qualität, die Oehlens verschiedene Schaffensphasen durchzieht, liegt in seiner Weigerung, sich ästhetischen wie inhaltlichen Konventionen zu beugen. Immer testet Oehlen die Grenzen seines Mediums, spielt mit Erwartungen und bricht bekannte Sichtweisen auf. Und immer kommt dabei auch charmanter Humor aus der Farbtube oder sonst wo her zum Tragen. Kein Wunder also, dass er mit Kunstwüstlingen wie Martin Kippenberger und Jonathan Meese bestens zusammengearbeitet hat – mit Ersterem auch mal unter dem Motto «Wahrheit ist Arbeit». Auch die Musik treibt ihn konsequent um und an. Ganz in diesem Sinne versprechen der Eröffnungsabend mit der Band Wertmüller-Pliakas-Wittwer sowie die Ausstellung selbst wunderbar verquer zu werden.

«Albert Oehlen. An Old Painting in Spirit» 
in: Zürich Kunsthalle, 30. Mai 2015 bis 16. August 2015, Eröffnungsabend: 29. Mai 2015, ab 18 Uhr. 
www.kunsthallezurich.ch

Stephanie Danner

Marlene Dumas

Totenmasken, Gekreuzigte und monströse Babys. Fleischlichkeit, die greifbar wirkt. Trauer, Tod, Liebe, Angst. Marlene Dumas, eine der erfolgreichsten und bekanntesten zeitgenössischen Malerinnen, lässt in ihrem Werk Raum für Interpretation und Emotionen. Auch oder gerade weil sie ihre Figuren so meisterhaft auf deren Grundzüge reduziert, sind ihre Arbeiten immer unverkennbar. Die aus Südafrika stammende Künstlerin zeigt in Basel «The Image as Burden». Die Einzelausstellung, die in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entwickelt wurde, wagt sich an die grosse Aufgabe, Dumas künstlerischen Werdegang von Mitte der siebziger Jahre bis heute in einer chronologischen Ordnung nachzuvollziehen. Mit einer Auswahl von über hundert Gemälden, Zeichnungen und Collagen wird hier gezeigt, wie verstörend, bedrückend, berührend und vor allem vielschichtig die Kunst von Marlene Dumas sein kann.

«Marlene Dumas. The Image as Burden» in: Riehen/Basel Fondation Beyeler, 
31. Mai 2015 bis 6. September 2015. 
www.fondationbeyeler.ch

Stephanie Danner

Theater

Face Off

Sie nennt sich Bianca White: Mit blonder Perücke, weissen Handschuhen und weiss angemaltem Gesicht betritt sie die Bühne. Im Lauf der Performance nimmt die sie Perücke ab, schminkt ihr Gesicht ab und zeigt ihr wahres Antlitz. Die Frau ist Ntando Cele und stammt aus Südafrika. In ihrer Performance «Face Off» mache sie die Erfahrungen mit ihrer eigenen Hautfarbe zum Thema, sagt die dunkelhäutige Künstlerin. Während sich Birgit Steinegger am Schweizer Fernsehen mit schwarz angemaltem Gesicht, dicken Lippen und dickem Po als dümmliche Frau Mgubi gibt und so rassistische Stereotype reproduziert, kehrt Cele den Spiess um und hält ihrem Publikum den Spiegel vor. Mit viel Humor reflektiert Cele ihre Erfahrungen, die sie in Europa gemacht hat, und konfrontiert das Publikum mit seinen eigenen Vorurteilen. «Stand-up-Comedy mit Herz» nennt Cele ihre multimediale Performance. Die Songs hat sie gemeinsam mit Simon Ho kreiert, die Texte kommen von Raphael Urweider.

«Face Off» in: Bern Theater Tojo, Do–Sa, 
28.–30. Mai 2015, 20.30 Uhr, So, 31. Mai 2015, 19 Uhr. 
www.tojo.ch

Silvia Süess

Medien

Die Kriegsreporterin

Antonia Rados nimmt kein Blatt vor den Mund: Der Hauptverantwortliche für die heutige Stärke der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) sei Barack Obama, sagte sie in einem Interview letzten Sommer: «Er hat nicht nur keine Gemässigten unterstützt, er hat überhaupt keine Politik gemacht.» Die Chefreporterin des Fernsehsenders RTL reist seit Jahren in die Krisengebiete der Welt. Bekannt wurde sie 2003, als sie für RTL und N-TV live aus Bagdad berichtete. Es folgten viele weitere Berichte aus Südafrika, Somalia, dem Iran und Afghanistan sowie 2011 ein Interview mit dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Zurzeit arbeitet sie an einer Reportage über den IS. Für ihre Arbeit hat sie mehrere Preise erhalten. Nun kommt die 61-jährige Österreicherin nach Bern. In einem Gespräch im Rahmen der «Literatur-Gespräche im Hotel Schweizerhof» mit der Filmemacherin und Kolumnistin Güzin Kar erzählt sie von ihrem unkonventionellen und unberechenbaren Berufsalltag.

Antonia Rados im Gespräch mit Güzin Kar in: 
Bern Hotel Schweizerhof, Fr, 29. Mai 2015, 20 Uhr. 
www.schweizerhof-bern.ch

Silvia Süess