Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Die empathische Handwerkertochter

Von Brigitte Matern

«Manche Nasen sollten sich vor der Hoheit dieser grossen Frau tief verneigen, denn auf deutschen Thronen sitzt keine ebenbürtige», schrieb der Publizist Alfred Kerr an die Adresse des deutschen Kaisers, als wieder einmal eines ihrer Ausstellungsplakate verboten wurde. Zuvor schon hatte Wilhelm II. sich geweigert, sie – eine Frau! – für ihr Können mit einer Medaille zu prämieren; das käme, sagte er, «einer Herabwürdigung jeder hohen Auszeichnung gleich». In der sich neu formierenden Kunstszene der Jahrhundertwende zeigte die Ablehnung Wirkung: Die «grosse» Frau, in Wahrheit klein und zierlich, war mit einem Schlag bekannt.

Etwas anderes als Künstlerin hatte die 1867 in Königsberg geborene Maurermeistertochter nie werden wollen. Auf Widerstand war sie damit nicht gestossen; ihr sozialdemokratischer Vater liess sie Malunterricht nehmen und in Berlin und München private Kunstschulen besuchen (die grossen Akademien waren Frauen damals noch versperrt). Enttäuscht zeigte er sich erst, als sie mit 23 Jahren heiraten wollte – seiner Meinung nach schlossen sich Ehe und eine Karriere als Künstlerin aus. Doch sie hatte den Richtigen gewählt: Ihr Mann, ein Arbeiterarzt, löste das Versprechen, ihr für die Kunst den Rücken freizuhalten, ein Leben lang ein.

Und so lithografierte und radierte die gelegentlich Untreue, schuf Holzschnitte und Plastiken und brachte mit grosser Empathie das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter ins öffentliche Bewusstsein: Hunger, Verzweiflung, Arbeitslosigkeit, Aufstand und Tod. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem sie einen ihrer Söhne verlor, trat sie der Liga für Menschenrechte bei und setzte ihre Kunst auch propagandistisch ein, entwarf Plakate für die internationale Hungerhilfe, gegen Krieg und Wohnungsnot.

Den Nationalsozialismus sah sie mit Grauen heraufziehen, Deutschland verlassen wollte sie dennoch nicht. Im Februar 1933 unterschrieb sie einen letzten dringenden Appell, der SPD und KPD zur Zusammenarbeit aufrief, dann wurde es still um sie: Die inzwischen weltberühmte Professorin der Preussischen Akademie der Künste wurde des Amts enthoben, ihr Werk als «entartet» gebrandmarkt. Am 22. April 1945 starb sie an Herzversagen.

Wer war die begnadete Schwarzweissmodulatorin, die ihre Ferien gelegentlich im Engadin verbrachte und von der ein Künstler- und Bergkollege einmal sagte, sie klettere «als wie a Gams»?

Wir fragten nach der deutschen Grafikerin, Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867–1945). Ihr Vater, Carl Schmidt, war Jurist, hatte aber aus politischen Gründen auf Maurer umgesattelt und später seine Baufirma in eine Genossenschaft umgewandelt. Käthe Kollwitz gründete einige Vereinigungen, um die Benachteiligung der Frauen bei der künstlerischen Ausbildung und den Ausstellungschancen zu beseitigen. Zu ihren bekanntesten Werken zählen die Grafikzyklen «Ein Weberaufstand» und «Bauernkrieg», das «Gedenkblatt für Karl Liebknecht» und «Nie wieder Krieg». Sie selbst ist in einem Mahnmal von Ernst Barlach für die Toten des Ersten Weltkriegs verewigt, über das Bertolt Brecht sagte: «Dass der [schwebende] Engel des Güstrower Ehrenmals mich überwältigt, ist nicht verwunderlich. Er hat das Gesicht der unvergesslichen Käthe Kollwitz. Solche Engel gefallen mir.»

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