Kultour :

Nr.  42 –

Ausstellung

Ekstase und Abstraktion

Das Werk «Nach meinen Berechnungen ist das Universum weiblich» ist im Zürcher Helmhaus zu sehen. © Maria Gasche

Was haben farbige Abstraktionen mit Sex zu tun? Eine ganze Menge, behauptet die Ausstellung «Das Dreieck der Liebe», die der Volkskundler und Kulturanthropologe Michael Hiltbrunner im Zürcher Helmhaus eingerichtet hat. Er konfrontiert die bunten geometrischen Figuren der Zürcher Konkreten – unter anderen Max Bill, Richard Paul Lohse, Verena Loewensberg – mit sinnlicher Körperkunst von Manon, Walter Pfeiffer, Eva Kurz oder Maria Gasche. Mittendrin liest man einen programmatischen Brief des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli aus dem Jahr 1525, in dem er sich über «buhlerisch und verführerisch» gemalte Heiligenbilder von Maria Magdalena beschwert, vor denen man unmöglich andächtig und massvoll bleiben könne. Das Spannungsfeld, aber auch die Versöhnung von wilden Entgrenzungen und strengen Linien oder schlicht von Körpern und Kunst wird in der Ausstellung mit auffallend vielen Positionen von Künstlerinnen untermalt.

«Das Dreieck der Liebe. Körperlichkeit und Abstraktion in der Zürcher Kunst» in: Zürich Helmhaus, bis 22. November 2015. Die Buchvernissage des gleichnamigen Ausstellungskatalogs (Scheidegger & Spiess mit Essays von Alois Maria Haas, Susanne Hess, Baldinger/Conidi/Wittwer u. a.) ist am Do, 22. Oktober 2015, um 18.30 Uhr; Performance von PRICE alias Mathias Ringgenberg um 20 Uhr.

Daniela Janser

Theater

Das Versteck im Schrank

Nicht für alle Kinder ist Verstecken ein Spiel. So lebte der Sizilianer Francesco Bianchi als Kind von sogenannten Illegalen in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Bianchi, dessen Lebensgeschichte im Theaterstück «Sapone blu. Reise mit Schrankkind» aufgeführt wird, ist inzwischen eingebürgert und reist nach dem Tod seines Onkels quasi in umgekehrter Richtung von Zürich nach Sizilien. Italien gehört heute nicht mehr zu den Ländern, aus denen Sans-Papiers in der Schweiz herkommen. Es ist aber nach wie vor ein Transitland für jene, die aus afrikanischen Ländern geflüchtet sind – und genau in der Begegnung mit einer afrikanischen Familie kommen Bianchis Erinnerungen an seine eigene Kindheit hoch.

Enzo Scanzi, der das Stück geschrieben hat und die Rolle Bianchis spielt, kam selbst in Italien zur Welt. Gemeinsam mit der von ihm gegründeten Theatergruppe Teatro Matto produzierte Scanzi schon mehrere Stücke zum Thema «Migration und Fremdsein». Sie stellen jeweils auch die Frage, wann Menschen aufhören, AusländerInnen zu sein, und wann sie wirklich angekommen sind.

Für die Ankommenden ist es auf jeden Fall ein grosses Hindernis, sich im Schrank verstecken zu müssen.

«Sapone blu» in: Zürich Kulturmarkt, 
Mi, 21. Oktober 2015, Fr/Sa, 23./24. Oktober 2015, 
Mi/Do, 28./29. Oktober 2015, jeweils 20 Uhr; 
in: Weinfelden Theaterhaus Thurgau, 
Sa, 14. November 2015, 20.15 Uhr.

Rahel Locher

Konzert

Mit Dresscode aus dem All

Farbhungrige Ausserirdische, die rappen: Mega Ω Mega – am Samstag zu Besuch im Frauenraum der Berner Reitschule. Foto: Chloé Bonnard

Ausserirdische auf Besuch im Frauenraum der Berner Reitschule: Das sind Gaff E und Ylva Falk. Mit den schrillen Farben und Mustern ihrer Kleider, den grell geschminkten Gesichtern und den Perücken wirken die beiden Performerinnen von Mega Ω Mega tatsächlich ein bisschen wie von einem anderen Planeten. Gaff E und Ylva Falk rappen von Liebe und Freiheit, und ihre Texte sind unterlegt mit sphärischen elektronischen Klängen und teilweise auch mit Beats, die ein wenig Struktur ins Universum bringen. Am Samstag kann ausnahmsweise auf dem heimischen Planeten nachgeprüft werden, ob Mega Ω Mega ihr Versprechen aus ihrem Song «Fire Girls» einlösen: «Wir beginnen, wo eure Fantasie endet.»

Die Gruppe mit der Erdenadresse London und Paris wird unterstützt von der Berner Synththrashpunkband Always Ultra Violet. Die BesucherInnen sind angehalten, sich mit Drag oder Trash dem Dresscode der Ausserirdischen anzupassen. Denn diese sind, wie wir dem Song «Discrimination of a Nation» von Mega Ω Mega entnehmen können, «hungrig auf Farben».

Mega Ω Mega und Always Ultra Violet in: 
Bern Frauenraum in der Reitschule, Sa, 17. Oktober 2015, 22 Uhr. frauenraum.ch

Rahel Locher

Kino

Kaurismäki oder Waters? Beide!

Es war am 23. September, als uns die Kulturstadt Zürich ins Dilemma des Jahres stürzte: Gehen wir zu Aki Kaurismäki ins Xenix oder zu John Waters ins Kunsthaus? Semidepressiver Lakoniker oder hysterische Plaudertasche, Poet der Schwermut oder Grandseigneur des Trashs? Wer sich damals nicht entscheiden konnte, kann jetzt zumindest im Kino das eine tun, ohne das andere zu lassen. Im Xenix und im Stadtkino Basel ist noch bis Ende des Monats (anschliessend auch in Bern) der gesamte Kaurismäki in digital restaurierter Pracht zu sehen, während das Zürcher Filmpodium fast alle Langfilme von John Waters zeigt, angefangen bei «Pink Flamingos» (1972). Der Film mit Divine (wir sagen nur: Hundekot) darf heute als Inbegriff für die erstaunliche Kanonisierung der Trashkultur gelten: Lange verboten, kommt das Werk jetzt ausgerechnet im städtischen Programmkino zu Ehren. Und wer übrigens den Auftritt von Aki Kaurismäki verpasst hat, darf sich mit dessen Muse trösten: Am 19. Oktober (Basel) und am 20. Oktober (Zürich) kommt Kaurismäkis Lieblingsdarstellerin Kati Outinen zu Besuch.

«Total Kaurismäki Show» in: Zürich Kino Xenix, 
bis 28. Oktober 2015, www.xenix.ch ; in: Basel Stadtkino, 
bis 31. Oktober 2015, www.stadtkino.ch ; in: Bern Kino Rex (ehemals Kino Kunstmuseum), 31. Oktober bis 
2. Dezember 2015, www.rexbern.ch.

«John Waters» in: Zürich Filmpodium, 
bis 15. November 2015. www.filmpodium.ch

Florian Keller

Lesung

Aufmüpfige JournalistInnen

«So gibt es, von Ausnahmefällen abgesehen, grundsätzlich nach wie vor nur drei Arten von ‹Frauenleben›: das der ausgenutzten Arbeiterbiene, jenes der Magd des Ernährers und der Nachkommen und das Dasein der amüsierten oder gelangweilten Luxusgattin.»

Dies schrieb die Schweizer Journalistin und Autorin Iris von Roten 1958 und forderte: «kollektive und anonyme Fürsorge für den Nachwuchs», damit die Frau nach der Geburt der Kinder wieder ihrer Erwerbsarbeit nachgehen könne. Noch heute, über fünfzig Jahre nach dem Erscheinen ihres Buchs «Frauen im Laufgitter», wirkt ihre Forderung radikal. Damals ging ein Aufschrei durch die beschauliche Schweiz der fünfziger Jahre: «Es ist seit Menschengedenken nicht vorgekommen, dass ein Werk aus der Feder einer schweizerischen Autorin schon gleich nach dem Erscheinen einen wahren Sturm gegensätzlicher Diskussionen ausgelöst hat», hiess es 1958 in der «Schweizer Illustrierten», nachdem von Rotens Buch erschienen war.

Den Texten von Iris von Roten kann nun in Baden gelauscht werden: Der Schauspieler Ingo Ospelt liest «Texte von aufmüpfigen Schweizer Journalistinnen und Journalisten». Neben den Texten von Iris von Roten, die vor dem Verfassen ihres Buchs als Journalistin der Zeitschrift «Schweizer Frauenblatt» tätig war, sind auch Texte von Hugo Loetscher, Niklaus Meienberg, Laure Wyss, Isolde Schaad und Constantin Seibt zu hören. Es ist wohl kein Zufall, dass all diese aufmüpfigen Schweizer JournalistInnen – ausser Iris von Roten und Hugo Loetscher – auch für die WOZ tätig waren.

Ingo Ospelt liest Texte von aufmüpfigen Journalistinnen und Journalisten in: 
Baden Buchhandlung Librium, Mi, 21. Oktober 2015, 19.30 Uhr. www.badenliest.ch

Silvia Süess