Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Die unermüdliche Friedensinternationalistin

Von Brigitte Matern

Für den Stadtpfarrer von Chur war sie «das leuchtendste weibliche Wesen, das ich je gesehen», und er fürchtete «den Neid der Götter», sollte sie ihn erhören. Vielleicht liess er sich deshalb für seinen Heiratsantrag sieben Jahre Zeit. Als er sich endlich durchgerungen hatte, bekam er jedoch eine Abfuhr: Die 1874 geborene Bündner Bürgertochter glaubte, dem sozialistisch orientierten Gottesmann keine ebenbürtige Mitstreiterin zu sein – dabei war sie bereits Pazifistin geworden, als dieser noch vor Soldaten predigte. Es brauchte ein Jahr und viele werbende Briefe, bis sie schliesslich einwilligte. 1901 wurde die sprachgewandte Hauslehrerin, die im Ausland fliessend Französisch und Englisch gelernt hatte, Pfarrfrau.

Sie folgte ihrem Mann nach Basel, wurde dort Mitbegründerin des Bundes abstinenter Frauen, gab Arbeiterinnen Nähunterricht und führte das Sekretariat der fortschrittlichen Union für Frauenbestrebungen; daneben managte sie den Haushalt, in dem bald zwei kleine Kinder herumsprangen. 1908 zog die Familie nach Zürich, da der «liebe Leu» eine Professur an der Theologischen Fakultät erhalten hatte. Ihr Engagement für eine gerechte und friedfertige Welt, als deren Voraussetzung sie die völlige Gleichstellung der Frau ansah, intensivierte sich. Unter anderem organisierte sie im Namen der Sozialen Käuferliga – einer Vereinigung zur Schärfung des sozialen Bewusstseins von KonsumentInnen – mit grossem Elan die erste Schweizer Heimarbeitsausstellung, auf der die Zürcher BürgerInnen nicht nur die in Heimarbeit hergestellten Güter besichtigen konnten, sondern auch von den erbärmlichen Produktionsbedingungen erfuhren.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde sie Präsidentin des Schweizer Zweigs der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Drei Jahrzehnte lang setzte sie ihr Organisationstalent nun für Völkerverständigung und Abrüstung ein, während ihr Haus im Quartier Aussersihl zu einem Hort für ArbeiterInnenbildung und Friedensarbeit wurde. Wer war die humorvolle religiöse Sozialistin, die im Zweiten Weltkrieg die Fäden der internationalen Friedensfrauenbewegung zusammenhielt und 1957 mit 83 Jahren verstarb?

Wir fragten nach der Schweizer Friedensaktivistin und Feministin Clara Ragaz-Nadig (1874–1957). Der «liebe Leu», wie sie ihren Mann in Briefen ansprach, war Leonhard Ragaz, Mitbegründer der religiös-sozialen Bewegung. Nach der Heimarbeitsausstellung von 1909 fand, ebenfalls von Clara Ragaz organisiert, der erste Heimarbeiterschutzkongress statt; auf ihm formulierten GewerkschafterInnen, PolitikerInnen und Frauenvereine Vorschläge zur Verbesserung der Lage 
der HeimarbeiterInnen, die teilweise umgesetzt wurden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch