Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Ausstellung

Wenn das Kino implodiert

Psychedelische Etüden von Fredi Murer: «Chicorée» gehört zu den rund siebzig Filmen, die im Rahmen der Reihe «Film Implosion!» in Freiburg zu sehen sind. © Fri Art, Kunsthalle Fribourg

«Alle Museen sind Friedhöfe der Dinge.» Falls das stimmt, was der Kunsttheoretiker Boris Groys einst so schön provokativ notiert hat, dann ist das Schweizer Kino heute entweder ziemlich tot, oder es wird gerade reihenweise lebendig begraben auf den verschiedenen Friedhöfen, die wir Museen nennen. Ein Museum nach dem andern holt sich das einheimische Filmschaffen ins Haus. Den Auftakt zu diesem Trend zur Musealisierung des Kinos machte das Landesmuseum, wo letztes Jahr die Geschichte des Schweizer Films unter dem Titel «Grosses Kino» in einer Schnipselrevue aufgefächert wurde. Thematisch enger gefasst ist die Filmcollage, die noch bis nächsten Sommer im Alpinen Museum in Bern das Verhältnis des Schweizer Films zu den Bergen untersucht («Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge», bis 7. August 2016).

Für erweiterte Pupillen sogar im Flachland dürfte auch die neue Ausstellung in der Kunsthalle Freiburg sorgen, die aus einem Forschungsprojekt des Schweizerischen Nationalfonds hervorgegangen ist. Stärker formal als thematisch ausgerichtet, bietet diese Schau unter dem knalligen Titel «Film Implosion!» ein Panorama zum Schweizer Experimentalfilm der letzten sechzig Jahre. In unterschiedlichen Settings werden rund siebzig Filme gezeigt, darunter Werke von den beiden Dieters, Roth und Meier, psychedelische Etüden von Fredi Murer («Chicorée»), ein ironischer Bergbauernfilm des Eisenplastikers Bernhard Luginbühl und feministische Interventionen von Carole Roussopoulos und Cléo Uebelmann. Und immer wieder wird auch der Film selbst zum Rohmaterial, das von den KünstlerInnen bearbeitet wird – bis das Kino implodiert. Oder wie der Experimentalfilmer Hans Helmut Klaus Schönherr in seinen Hinweisaktionen von 1970 postulierte: «Film ist ein Material wie jedes andere: Nach Gebrauch weg damit.»

«Film Implosion! Experiments in Swiss Cinema and Moving Images» in: Fribourg, Kunsthalle Fri Art. 
21. November 2015 bis 21. Februar 2016. 
Vernissage: Fr, 20. November 2015, 18.30 Uhr. 
www.fri-art.ch

Florian Keller

Konzerte

Die Nerven

Er lässt ihn voll auflaufen. Als der Interviewer von motor.fm einen Vergleich mit Achtziger-Jahre-Hardcorebands anstrengt, sagt Max Rieger, Gitarrist von Die Nerven: «Ich habe noch nie davon gehört, was du gerade gesagt hast, ich interessiere mich auch nicht dafür, und in den Achtzigern war ich auch noch nicht geboren.» Es ist ein gutes Beispiel für die Haltung, die Die Nerven im Vergleich mit anderen jüngeren deutschsprachigen Bands auszeichnet: Sie wollen nicht nach irgendwem klingen, der nur noch die nach Referenzen geifernde Musikjournaille interessiert. Sie spielen einfach, und das mit einem Vorwärtsdrang, dem man sich schlecht entziehen kann. Auch auf ihrem dritten Album, «Out», rasten sie wiederholt aus. Doch im Gegensatz zu früher zögern sie den Ausbruch lange hinaus – um dann, wie vom Affen gebissen, alles zu zertrümmern. Dafür brauchen sie nicht mehr als den Rockband-Basisbaukasten: Gitarren, Bass, Schlagzeug.

Mit ihren wie an Hauswände geschmierten Songtexten drücken Die Nerven aus, was viele beschäftigt: die Enge im Agglo-Bauspar-Brei, die Vereinsamung in den digitalen Selbstinszenierungsplattformen und das neoliberale Arbeits- und Spassdiktat. Zusammen fanden sie im Kielwasser der Stuttgart-21-Proteste. Weggezogen sind sie nie aus der Provinzhauptstadt. Vielleicht treibt das Die Nerven an. Die meisten anderen Bands zogen in die Grossstädte, nisteten sich ein im selbstzufriedenen Konsensmiteinander. Die Nerven hingegen reiben sich immer noch an ihrer «Spiesserstadt». Doch es geht ihnen nicht um die konservative Verteidigung des Status quo. Sowieso denken Die Nerven keine Sekunde zurück. Oder wie Max Rieger im Interview sagte: «Warum kann man eigentlich nicht akzeptieren, dass Leute irgendetwas machen, unabhängig davon, was es schon gegeben hat?»

Die Nerven in: Zürich Hafenkneipe, 
Mi, 25. November 2015, 20 Uhr; Bern Rössli in der Reitschule, Di, 26. November 2015, 21 Uhr.

Timo Posselt

Saint Ghetto

Auf ins Universum mit der behelmten Dame: The Space Lady tritt am Saint-Ghetto-Festival in Bern auf. Foto: Terri Loewenthal

Alljährlich im Herbst trifft sich in der Berner Dampfzentrale die musikalische Avantgarde. Am Saint-Ghetto-Musikfestival treten lauter MusikerInnen auf, die sonst zwischen die oft sauber voneinander getrennten Bühnen von Rock, Jazz und Elektronik fallen – in höchste Höhen und tiefste Tiefen, ist man mit Blick aufs diesjährige Programm versucht zu sagen: Da ist zum einen hoch oben im Klangspektrum die Isländerin Olöf Arnalds zu hören, die folkloristisches Liedgut und anspruchsvollen Pop zu nordischen Elegien verbindet. Da lotet zum anderen das griechische Chamber-Drone-Trio Mohammad mit Cello und Kontrabass die Tiefe aus. Die Musik erinnert an die Bässe von Sunn O))) – bloss dass sie kammermusikalischer wirkt. Hinaus ins Universum führt The Space Lady: Die Outsider-Künstlerin spielt auf den Strassen US-amerikanischer Städte Songs ihres verstorbenen Mannes, ausgerüstet mit einem Casio-Keyboard und mit einem Wikingerhelm auf dem Kopf.

Saint Ghetto Festival in: Bern Dampfzentrale, 
Do–Sa, 19.–21. November 2015. Mehr Infos: 
www.dampfzentrale.ch.

Kaspar Surber

Literatur

Feridun Zaimoglu

Istanbul in den vierziger Jahren: Hier im Siebentürmeviertel landet der sechsjährige Junge Wolf, der mit seinem Vater 1939 aus Deutschland vor der Gestapo fliehen musste. Das Siebentürmeviertel ist einer der schillerndsten Stadtteile der Metropole, verschiedene Religionen und ethnische Gruppen leben hier nebeneinander. Eigentlich war der Wohnortwechsel nur vorübergehend gedacht, doch Wolf bleibt hier, als sein Vater nach Ankara weiterzieht.

«Siebentürmeviertel» heisst das neue Buch des 1964 in der Türkei geborenen Autors Feridun Zaimoglu, der ein halbes Jahr nach seiner Geburt mit seinen Eltern nach Deutschland zog und in Berlin aufwuchs. Nach 45 Jahren in Deutschland könne er auf seine Biografie hinweisen und sagen, er sei ein herkunftsfremder Deutscher, sagte Zaimoglu kürzlich in einem Interview: «Ich habe mir überlegt, wie wäre es, wenn man das Ganze umdreht und ein deutscher Junge dort in der Türkei, in diesem Fall in Istanbul, aufwächst.»

Nun kommt der Autor zu einer Lesung in die Schweiz. Im Aargauer Literaturhaus liest er aus seinem neuen Roman, in dem er mit grosser Poesie die LeserInnen in eine Welt führt, in der Religionen, Kulturen und Sehnsüchte aufeinanderprallen.

Feridun Zaimoglu liest aus «Siebentürmeviertel» in: Lenzburg Literaturhaus Aargau, Di, 24. November 2015, 19.15 Uhr. Moderation: Bettina Spoerri. 
www.aargauer-literaturhaus.ch

Silvia Süess

Performance

Faule Frauen auf Touren

Vielleicht ist ja Nichtstun die ultimative Form des Widerstands. Schon vor mehr als 160 Jahren schuf der US-amerikanische Schriftsteller Herman Melville seinen Bartleby, eine Art menschliche Kopiermaschine, der in einer Kanzlei als Schreibkraft arbeitet und eines Tages beschliesst, jeden Arbeitsauftrag schlicht mit «Ich möchte lieber nicht» zu quittieren. Arbeitsverweigerung ist Faulheit als Strategie und ein beträchtlicher Skandal in einer Leistungsgesellschaft – damals wie heute. Deshalb ist es zu begrüssen, wenn das «Missy Magazine» sich dieses subversiven Themas annimmt und dem Ganzen zudem eine feministische Wendung gibt: Fünf Damen touren mit einer Abendunterhaltung inklusive DJ-Set, Performance und Videoschau durch die Schweiz, in der es speziell um faule Frauen gehen soll.

Katrin Gottschalk, die Chefredaktorin des Magazins und eine der fünf Missy-All-Stars, die den Abend bestreiten werden, betreibt sogar ein eigenes Forschungsprojekt zum Thema «Faule Frauen in der Popkultur». Man darf also vom «lahmen Programm» eine solide inhaltliche Auseinandersetzung erwarten. Und wer wollte nicht schon lange den Abend mit einer Todsünde verbringen?

Missys Faule-Frauen-Tour in: Zürich Bibliothek der Shedhalle, Rote Fabrik, Sa, 21. November 2015, 19 Uhr; Bern Bibliothek des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZFG), So, 22. November 2015, 18 Uhr; Basel Zum Goldenen Fass (Sääli), 
Mo, 23. November 2015, 20 Uhr. 
www.missy-magazine.de

Daniela Janser

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch