Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Chemise de Résistance

Von Karin Hoffsten

Was zwischen den Jugendlichen im Edelweisshemd und ihrer Lehrerin in Gossau ZH genau vorgefallen ist, weiss ich nicht, und alle andern, die sich nun wie Hyänen aufs skandalöse Hemdenverbot stürzen, wissen es sicher ebenso wenig. Trotzdem stand es überall: «Eine Lehrerin (34) sei ausgerastet und habe den Teenagern ihrer Klasse befohlen, etwas anderes anzuziehen» («Blick»).

Ganz sicher bin ich jedoch, dass kein Lehrer und keine Lehrerin nur schon beim Anblick eines Schwingerhemds «ausrastet» – es sei denn, es gibt eine Vorgeschichte. Auch in Gossau gerieten offenbar schon öfter Jugendliche «vom Balkan» mit jenen aneinander, die nun mittels Hemd zeigen wollten, dass sie «stolz auf die Schweiz» sind. Natürlich löst man solche Konflikte nicht mit Kleiderverboten, es heisst, die Lehrerin habe «überreagiert». Doch auch so was gehört zum Schulalltag und wird normalerweise in Gesprächen geklärt.

Der eigentliche Skandal ist das mediale Ausschlachten der Geschichte: Jetzt arbeiten sich erboste BürgerInnen am Hemdenverbot ab – das Bundesgericht erlaube sogar Kopftücher! –, und SVP-Exponenten hüllen sich widerständig ins Edelweisshemd.

Am besten stellen sich all die Empörten auch mal täglich vor eine Klasse Pubertierender. Und danach erzählen Sie mir dann von Ihren wohltemperierten Reaktionen.

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