Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Die Antirassistin mit der Schreibmaschine

Von Brigitte Matern

Sie wollte Jura studieren, ihr Mann hielt das für unnötig. Sie wollte in die Kommunistische Partei eintreten, ihr Mann fand das politisch naiv. Sie wollte einen Roman veröffentlichen, ihr Mann sprach ihr das Talent ab. Nicht immer habe er recht gehabt, sagte die 1924 in Fürth geborene Kaufmannstochter einmal, aber sie sei eben erst spät erwachsen geworden.

Die schwierige Beziehung bewirkte auch Gutes: Ihr Mann war ein begabter, aber wenig produktiver Journalist, sodass sie das Geldverdienen allein übernahm. Sie wurde Prokuristin in einer Versicherungsfirma, lernte, sich dort in der Männerwelt zu behaupten und wirtschaftliche Zusammenhänge zu erfassen. Da er sie zudem immer wieder seine Artikel recherchieren und schreiben liess, erkannte sie mit der Zeit, dass sie sehr wohl Talent besass. Sie kündigte ihren Versicherungsjob und reichte 1962 die Scheidung ein.

Zu jener Zeit war ihre Exilheimat Südafrika, wo sie als Zwölfjährige mit ihrer jüdischen Familie Zuflucht gefunden hatte, gerade in das Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit gerückt. Bei einer Antiapartheiddemonstration in der Township Sharpeville waren 69 Schwarze erschossen, Hunderte verletzt worden; die internationale Presse fragte sich nun, was dort eigentlich los war. Die frischgebackene Wirtschaftsredaktorin der «Financial Mail» wusste das genau, denn mit Empörung hatte sie miterlebt, wie die burische Nationale Partei ihr rassistisches Menschenbild Schritt für Schritt in Gesetzesform gegossen hatte.

Sie wurde Korrespondentin unter anderem des «Guardian» und der «Financial Times», interviewte GewerkschaftsführerInnen, Staatsmänner und Kämpfer der Befreiungsbewegungen (die später oftmals selbst Präsidenten und Minister wurden) und galt bald als verlässliche Expertin für das südliche Afrika. Währenddessen hielt sie, ob sie nun gerade in London, Köln, Lusaka, Harare, Lüdinghausen oder auf der Isle of Wight wohnte, ihre Tür weit offen für ExilantInnen und Oppositionelle. Das würdigte 2010 die Stadt Aschaffenburg: Sie benannte eine Schule nach der Ehrenpräsidentin der Schweizer Antiapartheidbewegung.

Wer ist die couragierte Publizistin mit dem grossen Herzen für Afrika, die Nelson Mandela kurz vor seiner Verhaftung am Küchentisch interviewte und wegen ihrer regierungskritischen Berichterstattung in zwei Ländern Einreiseverbot erhielt?

Wir fragten nach der Wirtschaftsjournalistin, Schriftstellerin und WOZ-Autorin Ruth Weiss (* 26. Juli 1924). Südafrika und Rhodesien (das spätere Simbabwe) erklärten die unbequeme Journalistin zur unwillkommenen Person. 1994 erschien ihre Autobiografie «Wege im harten Gras». Weiss hat eine Fülle von Sachbüchern und Romanen geschrieben, unter anderem «Meine Schwester Sara», das in deutschen Schulen zur Pflichtlektüre erhoben wurde. Lange Jahre sorgte sie im südlichen Afrika auch für die Ausbildung von WirtschaftsjournalistInnen. Heute lebt Ruth Weiss bei ihrem Sohn, den sie allein grossgezogen hat, in Dänemark.

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