Nr. 12/2016 vom 24.03.2016

Die leidenschaftliche Kunstdozentin

Von Brigitte Matern

«Ich habe zwei Unfälle erlitten in meinem Leben», sagte sie einmal. «Beim ersten überfuhr mich ein Tram; der zweite war mein Mann.» Beide Ereignisse erschütterten sie nachhaltig. Zur Welt kam die spätere Titelfrau der «Vogue» 1907 in Coyoacán. Ihre Mutter war eine tiefgläubige Mexikanerin, ihr Vater ein deutscher Einwanderer, der Hegel, Feuerbach und Marx las. Er betrieb in Mexiko-Stadt ein Fotogeschäft und zeigte ihr, wie man entwickelte und retouchierte. Dass sie nicht nach der Mutter geriet, war früh klar: Im Kommunionunterricht stellte sie so viele Fragen über die angeblich jungfräuliche Geburt, dass der Pfarrer sie hinauswarf.

Sie war achtzehn und wollte Medizin studieren, als der Bus, in dem sie sass, mit einer Strassenbahn kollidierte. Kaum ein Knochen blieb heil, die Wirbelsäule war dreimal gebrochen. Dass sie je wieder gehen könnte, glaubte niemand. Doch sie schaffte es und entdeckte auf dem Krankenbett zudem das Malen. Dass sie Talent besass, bestätigte ihr der berühmteste Freskenmaler Mexikos, den sie frech um seine Meinung bat – und kurz darauf heiratete. «Der Elefant und die Taube» nannten ihre Eltern das ungleiche Paar.

Seit dem Unfall plagten sie Schmerzen, die nur ein Stahlkorsett lindern konnte, unzählige Operationen musste sie über sich ergehen lassen und am Ende die Amputation eines Unterschenkels; und dann betrog sie auch noch ihr Mann. Sie liess sich scheiden, hatte nun selbst Liebschaften und verarbeitete ihr Leid in üppig bunten Bildern, in deren Zentrum oft sie selbst stand. Und heiratete ihren Exmann erneut, diesen Verräter, dem sie sich so verbunden fühlte.

Wie seines schlug auch ihr Herz links. Zeitweise Mitglied der Kommunistischen Partei, unterstützte sie im Spanischen Bürgerkrieg die RepublikanerInnen und gewährte dem Revolutionär Leo Trotzki Unterschlupf, der (vergeblich) Schutz vor den Schergen Stalins suchte; und noch kurz vor ihrem Tod demonstrierte sie öffentlich gegen die Invasion der USA in Guatemala. Ihr Sarg war in eine rote Fahne gehüllt, als man im Juli 1954 mit der «Internationalen» und erhobener Faust von ihr Abschied nahm.

Wer war die leidenschaftliche Kunstdozentin mit dem Faible für indigene Kultur, die eines ihrer Bilder «Der Marxismus wird den Kranken Heilung bringen» nannte und Frauen wie Männer begehrte?

Wir fragten nach der mexikanischen Malerin Frida Kahlo (1907–1954). Ihr untreuer Ehemann war Diego Rivera, einer der bedeutendsten mexikanischen Maler der Moderne. In Mexiko zollte man der Künstlerin Kahlo erst 1953 mit einer Einzelausstellung Anerkennung. Im Ausland war sie schon in den dreissiger Jahren in Ausstellungen präsent, ebenso in Lifestylezeitschriften wie der «Vogue».

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