Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Mach die Augen auf!

Wer braucht Katzenvideos im Internet, wenn er einen geträumten Hundefilm von Laurie Anderson haben kann? Eben. Die Schweizpremiere von «Heart of a Dog» (2015) der New Yorker Musikerin und Experimentalfilmerin ist einer der Höhepunkte am diesjährigen Videoex-Festival, die kleine Reihe mit Kurzfilmen des Violinisten, Universalgelehrten und grossen Bescheidenen Tony Conrad, der Anfang April verstarb, ein weiterer.

Überhaupt die Toten. Neben Christoph Schlingensiefs frühen Film gewordenen Neurosen ist am Videoex-Festival auch «No Home Movie» zu sehen, Chantal Akermans letzter Film, der bei seiner Uraufführung im Sommer 2015 in Locarno von manchen KritikerInnen brutal abserviert wurde. Dabei ist dieses unnachgiebige, mal heitere, mal todtraurige Porträt ihrer Mutter ein Schlüssel zum Gesamtwerk der Experimentalfilmikone Akerman, die sich letzten Herbst das Leben nahm. In zwei weiteren thematischen Blöcken steuern die Schweizerin Ursula Biemann und libanesische VideokünstlerInnen Politisches zu den stets komplexer werdenden globalen Gewalten und Geografien bei. Für alle Filme gilt Laurie Andersons unerschütterliche Logik aus «Heart of a Dog»: «Wenn du die Augen schliesst, was siehst du? – Nichts. – Dann mach sie auf!»

Videoex Festival in: Zürich Clubraum, Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, Di –So, 24.–29. Mai 2016. www.videoex.ch

Daniela Janser

Zurück aus dem Fegefeuer

Er ist ein Hochstapler und ein Kleinkrimineller: Liliom aus dem gleichnamigen Stück des ungarischen Autors Ferenc Molnár. 1909 wurde das Stück in Budapest uraufgeführt, die deutsche Übersetzung und Aufführung folgte ein paar Jahre später. Nun hat Joël László das Theater um den Karussellausrufer Liliom, der arbeitslos wird, einen Raubüberfall begeht, als seine Frau schwanger ist, sich selber vor der Verhaftung ersticht und schliesslich nach sechzehn Jahren Fegefeuer für einen Tag zurück auf die Erde kann, neu übersetzt.

Durch die neue Übertragung, die das Theater Marie unter der Regie von Oliver Keller aufführt, wird die Aktualität des über hundert Jahre alten Stücks ersichtlich: Die Figuren schlagen sich mit emotionalen Kämpfen durch den Alltag, während das gesellschaftliche Umfeld von ihnen Pragmatismus, Klarheit und Sittlichkeit fordert. Die Komposition und Liedtexte zum Singspiel kommen von Pascal Nater.

«Liliom» in: Aarau Alte Reithalle, Premiere: Sa, 21. Mai 2016, 20.15 Uhr. Weitere Vorführungen: www.theatermarie.ch.

Silvia Süess

Funkstille

Im Rahmen des Berner Literaturgesprächs unterhält sich die Filmemacherin Güzin Kar mit einer Frau, die das Schweigen erforscht hat. Offenbar hat die deutsche Journalistin und Autorin Tina Soliman mit ihrem ersten Buch «Funkstille. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen» einen Nerv getroffen. Fast täglich habe sie Zuschriften von Betroffenen erhalten, vor allem von KontaktabbrecherInnen.

So konzentrierte sie sich in ihrem zweiten Buch «Der Sturm vor der Stille» (Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2014) auf die Zeit vor der Funkstille und widmete sich den Beweggründen derjenigen, die geliebte Menschen wortlos zurücklassen. Dabei zeigte sich, dass der Moment des Abbruchs und die Zeit davor von den beiden involvierten Seiten oft völlig verschieden wahrgenommen werden.

Literaturgespräch in: Bern Hotel Schweizerhof, Bel Etage, Fr, 20. Mai 2016, 20 Uhr.

David Hunziker

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