Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Ohne Gott im Gotthard

Von Karin Hoffsten

Im Tunnel ist es dunkel, und man weiss nie, ob und wie man hinten wieder rauskommt. Das beschäftigte schon Friedrich Dürrenmatt, der einen ganzen Zug via Tunnel ins Nichts stürzen liess, um uns am Schluss mit dem Satz allein zu lassen: «Gott liess uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.»

Um derlei Unwägbarkeiten aus dem Weg zu gehen, soll der Gotthardbasistunnel bei der Eröffnung gesegnet werden, und zwar von Geistlichen der grossen monotheistischen Religionen: dem früheren Abt von Einsiedeln, einem Rabbiner und einem Imam; den Segen für die Konfessionslosen – ein interessantes Paradoxon – übernimmt der Abteilungschef Sicherheit im Bundesamt für Verkehr.

Der ehemalige Abt vertritt hier die «Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz», ist aber nun mal katholisch. Jetzt ist bei einigen ProtestantInnen Feuer im Dach, obwohl es dort gar nicht Brauch ist, Sachen zu segnen. Die «Basler Zeitung» titelte beleidigt: «Imam statt Protestant segnet Tunnel am Gotthard». Ob der Herr Imam Sunniten und Schiitinnen vertritt, ist ebenfalls unklar.

Bleibt die Frage, wie alle andern heil durchs lange Loch kommen wollen: Hindus, Buddhistinnen, Animisten, Schintoistinnen, Spaghettimonsteraner, Sikhs, Griechisch-Orthodoxe, Schamaninnen und vor allem Falun-Gongisten – schliesslich setzt Schweiz Tourismus auf China.

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