Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Helvetische Zurückhaltung

Von Karin Hoffsten

Erinnern Sie sich? Der Eishockeyspieler Morris Trachsler war der einzige Schweizer Sportler, der sich offen gegen die sogenannte Durchsetzungsinitiative engagierte. Er fiel mir wieder ein, als sich die Medien nach dem Tod von Muhammad Ali darin überboten, dessen politisches Engagement zu rühmen. In der Schweiz gilt ein solches bei Sportlern ja als degoutant.

Das «St. Galler Tagblatt» lobte den «herausragenden Sportler, der sich auch lange nach dem Ende seiner Karriere für politische und soziale Ziele einsetzte», und die NZZ schwärmte: «Einen wie ihn wird der Sport, wird die Welt so bald nicht mehr sehen. (…) Sie hatte auch noch keinen Vorzeigesportler erlebt, der die Courage aufbrachte, den Dienst fürs Vaterland zu verweigern, offen und ehrlich und ohne kommodes Arztzeugnis.» Bei Ausländern und Toten findet man das offenbar gut.

Weil unser momentan Grösster neben dem Tennisplatz nicht politisiert, sondern gern Werbespots dreht, fragte man sich beim «Tages-Anzeiger» bang: «Kann man den freundlichen Familienvater Roger Federer in einem Atemzug mit dem politisch engagierten Muhammad Ali nennen?», um erleichtert zum Schluss zu kommen, man könne – nur schon wegen seiner Fairness und technischen Brillanz.

Und für Mercedes Werbung zu machen, ist schliesslich auch ein politisches Statement.

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