Nr. 24/2016 vom 16.06.2016

Die analytische Gräfin

Von Brigitte Matern

Ihren Vater lernte sie nie kennen. Der gefeierte Dichter – ein Liebling der Damenwelt wie der englischen Klatschpresse – war gewalttätig, sodass ihre Mutter ihn wenige Monate nach der Hochzeit verliess. «Ich hoffe, die Götter haben sie nicht gerade poetisch gemacht», soll der Vater nach der Geburt über seine Tochter gesagt haben, «ein Verrückter in der Familie genügt.» Über so viel Selbsterkenntnis immerhin verfügte er.

Viel zu lachen hatte das 1815 in London hochwohlgeborene Trennungskind allerdings nicht. Die Mutter war von der Angst erfüllt, der Spross könne nach dem triebhaften Vater geraten, und setzte auf Disziplin, äusserste Selbstbeherrschung und die Förderung von Logik und Vernunft – was Unterricht in Arithmetik, Astronomie, Grammatik, Latein und stundenlanges, absolut regungsloses Daliegen bedeutete. Ein Ausbruchsversuch der Heranwachsenden mit einem der Hauslehrer misslang.

Ihre Liebe zu Mathematik und Technik aber war geweckt. Es gab so viel zu erforschen! Von den Auswirkungen der Elektrizität auf das Nervensystem bis hin zum Einfluss der Sonnenscheindauer auf den Ernteertrag – sie sprudelte über vor Ideen. Da Frauen keinen Zugang zu Universitäten, wissenschaftlichen Gesellschaften oder Bibliotheken hatten, musste sie andere Wege finden, um ihren Wissensdurst zu stillen: Sie knüpfte Kontakte zu hochrangigen Wissenschaftlern und unterhielt mit ihnen Brieffreundschaften, in denen sie die neusten Erkenntnisse diskutierten.

1842 – inzwischen verheiratet und Mutter dreier Kinder – veröffentlichte sie schliesslich Anmerkungen zu einem Maschinenplan des Erfinders Charles Babbage. Diese sogenannte Analytical Engine – neunzehn mal drei Meter gross und dampfbetrieben – sollte unter Verwendung von Lochkarten hochkomplexe Rechenoperationen ausführen können (heute weiss man, dass sie funktioniert hätte, wäre sie je gebaut worden). Sie erkannte deren ungeheures Potenzial und schrieb für die Maschine auch gleich noch eine Anweisung zur Berechnung von Bernoulli-Zahlen – das erste Computerprogramm der Welt. 1852 starb die unkonventionelle Lady nach langer Krankheit und geriet in Vergessenheit.

Wer war die visionäre Pionierin mit dem fatalen Hang zu Pferdewetten, die ahnte, dass Maschinen eines Tages auch Musik komponieren würden, und nach der heute eine Programmiersprache benannt ist?

Wir fragten nach der britischen Mathematikerin Ada Lovelace (Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, 1815–1852). Ihr Vater war der spätromantische Dichter Lord Byron.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch