Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Wir sind die Guten

Von Karin Hoffsten

«Kaum jemand fühlt sich privilegiert, weil man natürlich immer das Gefühl hat, alles Gute im Leben verdanke man seinem eigenen Genie.» Mit dieser These führte der Chefredaktor des «Magazins» im aktuellen Heft einen Fragebogen ein, anhand dessen man ermitteln kann, wie privilegiert man ist (www.dasmagazin.ch).

Zu meiner Überraschung wies mich mein Testergebnis als weniger privilegiert aus, als ich erwartet hatte, was ich wohl dem Fragenkomplex zur Geschlechterzugehörigkeit verdanke. Als Jugendliche durfte ich vieles nicht, weil ich ein Mädchen war, weshalb mir die Lust, mich mit meinem Geschlecht zu identifizieren, früh verging.

Aber natürlich bin ich sehr privilegiert: weiss, gebildet, finanziell gesichert, mit festem Wohnsitz in einem friedlichen Land, gültigen Papieren und einer befriedigenden Arbeit. Auf die Idee, dies meinem Genie zuzuschreiben, kam ich allerdings mein Lebtag noch nicht. Vielleicht braucht es dazu das Privileg, Mann zu sein. Andere wiederum halten sich für auserwählt – von Gott oder weil sie «Schweizer» sind.

Richtig gestört hat mich am Fragebogen aber, dass schon seine Bearbeitung Privilegien voraussetzt: Ohne elaborierte Deutschkenntnisse ist er nicht zu beantworten. Aber zum Glück haben wir in diesem Land auch das grosse Privileg, mal was Dummes schreiben zu dürfen.

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