Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Lustrevolte

Das Leitmotiv des Lebens der Lydia Lunch ist das Begehren. Das beginnt bei ihrem Übernamen «Lunch», den ihr der Singer-Songwriter Willy DeVille gegeben hat, als sie sechzehn war, weil sie – gerade nach New York gezogen – für ihre FreundInnen Mahlzeiten zusammenklaute. Auch die menschliche Emanzipation versteht sie über das Begehren. Von schaurigen Nachrichten würden wir ständig unsicher und nervös gemacht, sagte sie in einem Interview, wodurch unsere Lust kontinuierlich abgetötet werde – zuallererst diejenige der Frauen. Darum versteht sie die Lust als Rebellion. Mit frivolen Auftritten und musikalischer Radikalität begeht sie die Rückeroberung der Lust.

1976 gründete Lydia Lunch die Band Teenage Jesus and The Jerks, die als eine von vier Bands auf Brian Enos «No New York»-Sampler vertreten war, der als Gründungsereignis der No-Wave-Bewegung in die Musikgeschichte einging. Die Band habe die Rockmusik mit ihren eigenen Mitteln zerstückelt, schreibt Simon Reynolds in seinem Post-Punk-Buch. Lydia Lunch ist immer noch wütend, immer noch radikal – und immer noch hungrig.

Lydia Lunch in: Düdingen Bad Bonn, Sa, 1. Oktober 2016, 21 Uhr.

David Hunziker

Jenseits der Sehnsucht

Eine jüngere Version ihrer selbst hat Marlene Streeruwitz mit der Figur Nelja Fehn in ihren letzten Büchern «Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland» und «Nachkommen» erfunden. In ihrem soeben erschienenen Buch «Yseut» steht wieder eine ältere Frau im Zentrum der Geschichte. Die mehrfach ausgezeichnete österreichische Autorin schickt ihre Protagonistin Yseut auf eine Reise nach Italien – mit einer geladenen Pistole in der Handtasche. «Abenteuerroman in 37 Folgen» nennt sich das Buch im Untertitel. Und tatsächlich wird Yseut in so manch ein Abenteuer hereingezogen, denn das Italien, das sie antrifft, ist ein ganz anderes als jenes Sehnsuchtsland, das sie von früheren Reisen in Erinnerung hat. Ein ehemaliger CIA-Agent bringt sie in Gefahr, der Polizeipräsident hält sie für eine Anarchistin, und zu guter Letzt greift Yseut tatsächlich zur Pistole. Das alles erzählt Streeruwitz in der ihr eigenen knappen, abgehackten und poetischen Sprache.

Lesung und Gespräch mit Marlene Streeruwitz in: Lenzburg Aargauer Literaturhaus, Do, 29. September 2016, 19.15 Uhr. www.aargauer-literaturhaus.ch

Silvia Süess

Manga und Pop-Art

Ein Museum «für Science-Fiction, Utopie und aussergewöhnliche Reisen»? Steht in Yverdon am Neuenburgersee. Tadanori Yokoo und Osamu Tezuka? Die beiden kennt in Japan jedeR. Bei uns sind sie ausserhalb interessierter Kreise recht unbekannt. Trotzdem hat sich das Museum Maison d’Ailleurs unerschrocken entschlossen, die beiden japanischen Künstler – der eine macht Siebdrucke, der andere Mangas – zusammen mit dem französischen Multimediakünstler Joanie Lemercier in einer Ausstellung zu vereinen. Dabei kommen spannende Verbindungen zutage: Nicht nur bedient sich die US-Popkultur, von Quentin Tarantinos «Kill Bill» bis zu Guillermo del Toros Kampfroboterspektakel «Pacific Rim», immer wieder bei japanischer Kunst – die Japaner lassen sich gerne von US-Pop-Art und Science-Fiction inspirieren.

«Pop Art, mon Amour» in: Yverdon-les-Bains Maison d’Ailleurs, noch bis 30. April 2017. www.ailleurs.ch

Daniela Janser

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch