Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Die unerschrockene Leibwächterin

Von Brigitte Matern

Es ging ganz schnell an jenem 11. April 1928. Sieben junge Leute sprangen aus dem Zuschauerraum des Gerichtssaals Berlin-Moabit, schnappten sich mit vorgehaltener Pistole den verdutzten Angeklagten und verschwanden. Dem befreiten Genossen Otto Braun gelang die Flucht nach Moskau. Mit ihm floh die Anführerin des Coups, die der bereits üppig mit Nazis durchsetzte Berliner Justizapparat umgehend auf die Fahndungsliste setzte.

Die «gefährliche Kommunistin» – 1908 in München geboren – stammte aus gutem Haus: Ihre Mutter war stolzes Mitglied der gehobenen Gesellschaft, der Vater ein Rechtsanwalt, der auch Mittellose und Linke vor Gericht vertrat. Sie durfte deren Prozessakten lesen, was ihr den Blick auf eine Welt voller Ungerechtigkeiten eröffnete. Mit fünfzehn Jahren trat sie der verbotenen Kommunistischen Jugend bei, lernte den KPD-Funktionär Otto Braun kennen und lieben, verschlang die marxistischen Klassiker, plakatierte Parolen, vermöbelte Nazis. 1924 zog sie mit Braun nach Berlin, bekam ihren ersten gefälschten Pass (dem viele weitere folgten) und wurde Agitations- und Propagandasekretärin der Partei. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie bis zur Flucht als Stenotypistin.

Dann, im sowjetischen Exil, durchlief sie eine militärische Ausbildung, die sie angesichts der Übermacht des Feindes für dringend geboten hielt. Sie lernte reiten, schiessen, Flugzeuge lenken und wurde schliesslich 1934 nach Brasilien beordert – als Bodyguard eines Manns, den die ArbeiterInnen dort «Ritter der Hoffnung» nannten. Ihm traute man zu, die um sich greifende Empörung über Diktatur und Oligarchie in eine Revolution zu verwandeln. Es misslang. Beide wurden verhaftet.

Als die brasilianische Regierung die inzwischen schwangere Frau nach Deutschland abschieben wollte, brach ein Proteststurm los – für sie als Jüdin und Kommunistin hätte das den sicheren Tod bedeutet. International geachtete Persönlichkeiten wie Romain Rolland und Dolores Ibárruri setzten sich für sie ein, Hafenarbeiter der ganzen Welt drohten mit Aktionen, und am Ende stellten sich sogar die Mithäftlinge ihrer Deportation in den Weg. Alles vergebens.

Wer war die unerschrockene Kommunistin, die für Gerechtigkeit – «das Richtige, das Gute, das Beste auf der Welt» – kämpfte und dafür 1942 von den Nazis vergast wurde?

Wir fragten nach der deutschen Kommunistin Olga Benario-Prestes (1908–1942). Der «Ritter der Hoffnung» war Luís Carlos Prestes: 1945 begnadigt, war er bis 1980 Präsident der brasilianischen KP. Robert Cohen erzählt Benarios Geschichte im Roman «Exil der frechen Frauen»; von Cohen ist vor kurzem «Der Vorgang Benario. Die Gestapo-Akte 1936–1942» erschienen. Das Zürcher Sogar-Theater zeigt vom 24. bis 28. November «Die Unbeugsamen», ein Stück über Benario und Prestes.

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