Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

Der unerschütterliche Pazifist

Von Brigitte Matern

Fast einen Monat loderte das Feuer. Dann waren all die Hundert-Franc-Scheine verbrannt, mit deren Herstellung er fast ein Jahr beschäftigt gewesen war. Hätte Frankreich den Krieg gegen Algerien 1962 weitergeführt, wäre mit den Blüten der französische Markt überschwemmt und die Wirtschaft destabilisiert worden. Doch nun war Algerien unabhängig, das Falschgeld Asche. Er war erleichtert und, wie er selbst sagte, «trunken vom wiedergefundenen Frieden».

Der 1925 in Buenos Aires geborene Sohn einer russisch-jüdischen EmigrantInnenfamilie wäre so gern Fotograf geworden. Bis er diesen Beruf in Ruhe ausüben konnte, musste er aber lange warten, denn er beherrschte das Fälschermetier wie kein anderer. Bereits als Schüler hatte er sich mit Typografie und Gravurtechniken beschäftigt; den Umgang mit Stoffen, Farben und Texturen lernte er in Paris bei einer Ausbildung zum Färber; chemische Experimente am Küchentisch komplettierten sein Wissen: Den «Judenstempel» aus einem Ausweis zu tilgen, war für ihn ein Kinderspiel.

Als die Nazis Frankreich überrollten, wurde die Résistance auf den fingerfertigen Marxisten aufmerksam. Erst achtzehnjährig, fabrizierte er bald im Labor der geheimen sechsten Sektion des Generalverbands der IsraelitInnen Frankreichs bis zur Erschöpfung Ausweise, Geburtsurkunden und Passierscheine und bewahrte so Unzählige vor Deportation, Folter und Tod. Ihn selbst rettete, 1943 bereits ins Sammellager Drancy deportiert, sein (echter) argentinischer Pass.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war sein Einsatz gegen Rassismus, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit nicht beendet. Um möglichst vielen Holocaustüberlebenden die Einreise nach Palästina zu ermöglichen, fälschte er massenweise Touristenvisa. Und wo immer Menschen verfolgt wurden – ob in den antikolonialen Befreiungskämpfen Lateinamerikas und Afrikas, in den Militärdiktaturen Spaniens und Griechenlands oder als Verweigerer im Vietnamkrieg –, setzte er seine Fälschermaschinerie in Gang, ohne dass er je Geld dafür genommen hätte. Als sein Labor 1971 aufzufliegen drohte, hängte er das klandestine Handwerk an den Nagel. Und hatte endlich Zeit für ein eigenes Leben und die Fotografie.

Wie heisst der pazifistische Widerstandskämpfer, der dem Revoluzzer Daniel Cohn-Bendit 1968 die Wiedereinreise nach Frankreich ermöglichte und dem mit Mullbinden das Fälschen des Schweizer Passes gelang?

Wir fragten nach dem argentinisch-französischen Résistance-Mitglied, Chemiker und Fotografiedozenten Adolfo Kaminsky (*1925). Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs versorgte er auch französische Agenten für deren Aufklärungseinsätze in Nazideutschland mit falschen Papieren. Als sie ihn für ähnliche Dienste im Indochinakrieg heranziehen wollten, verweigerte der Antikolonialist empört die Zusammenarbeit. Zur Lektüre empfohlen sei die von seiner Tochter Sarah Kaminsky verfasste Biografie: «Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben», Verlag Antje Kunstmann.

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