Nr. 51/2017 vom 21.12.2017

Der Unruhestifter, der aus der Kälte kam

Von Brigitte Matern

Ende 1772 wurde in einer Siedlung am Fluss Jaik, dem heutigen Ural, ein Landstreicher aufgegriffen, der aufrührerische Reden gegen den Zarenhof schwang. Man warf ihn ins Gefängnis, wo er ausgepeitscht und dann zur Zwangsarbeit in ein Bergwerk geschickt werden sollte. Doch dem Unruhestifter gelang die Flucht, und für Katharina die Grosse brach eine schwierige Zeit an. Der Entflohene behauptete nämlich, kein anderer als ihr tot geglaubter Gatte, Peter III., zu sein und rechtmässiger Inhaber des Zarenthrons.

Der selbsternannte Monarch war vermutlich 1742 in einer Kosakensiedlung am Don zur Welt gekommen. Als Soldat der kaiserlich-russischen Armee soll er gegen Preussen und die Osmanen gekämpft haben und irgendwann untergetaucht sein. Und nun stand er plötzlich da – zerlumpt, mit rotem Haar, Spitzbart und Zahnlücke – und wiegelte als Peter III. im Südosten des Zarenreichs die Untertanen auf. Er gewann sie mit dem Versprechen, sein 1762 durch die Palastintrige Katharinas jäh beendetes Werk fortsetzen zu wollen: die Leibeigenschaft und alle Abgaben aufzuheben, Grund und Boden umzuverteilen, die Allmend zurückzugeben, Religionsfreiheit zu garantieren und jedem wieder das Recht zuzugestehen, einen langen Bart zu tragen.

Innerhalb kurzer Zeit leisteten eine Million Menschen dem falschen Kaiser begeistert den Treueeid: KosakInnen an Don, Wolga und Ural, die sich vom Hof von Zarin Katharina um ihre Rechte betrogen sahen; muslimische Baschkiren und Tatarinnen, Kasachinnen und buddhistische Kalmücken, die genug von zentralstaatlicher Willkür und der Landgier russischer Adliger hatten; leibeigene Bauern, die nicht mehr hinnehmen wollten, dass sie, inzwischen völlig entrechtet, von ihrem Grundherrn verschenkt, verkauft, verpfändet oder getötet werden konnten; oder auch entlaufene Arbeiter aus den Eisenhütten, Bergwerken und Waffenfabriken.

Zeitweise soll die schlecht bewaffnete Aufständischenarmee 100 000 Mann umfasst haben. Mitte 1774 war deren Kampfkraft jedoch erschöpft. Mit einigen Gefährten gelang dem «Usurpator» (so sein Historiograf Alexander Puschkin) die Flucht, er wurde jedoch verraten und am 25. Januar 1775 auf dem Roten Platz in Moskau enthauptet.

Wer war der Anführer des grossen russischen Bauernkriegs, der Katharina die Grosse derart verärgerte, dass sie sein Haus zerstören und die Nennung seines Namens unter Strafe stellen liess?

Wir fragten nach dem russischen Bauernführer Jemeljan Iwanowitsch Pugatschow (1742[?]–1775). Die Abschaffung der Leibeigenschaft, als deren Wegbereiter Pugatschow gilt, wurde erst 1861 umgesetzt. Der Schriftsteller Alexander Puschkin rekonstruierte die Ereignisse um den Aufstand anhand von Militärarchivdokumenten und Aussagen von ZeitzeugInnen; daraus entstand 1834 die «Geschichte des Pugatschew’schen Aufruhrs» und zwei Jahre später der historische Roman «Die Hauptmannstochter».

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