Nr. 26/2018 vom 28.06.2018

Frau Neumanns Gewerbe

Von Karin Hoffsten

Ich war noch klein, da erzählte mein ältester Bruder eine Anekdote aus der Schule, einem kleinstädtischen Knabengymnasium, in dem bis auf Fräulein X, eine Deutschlehrerin, nur Männer unterrichteten. Im Lehrerzimmer habe ein Kollege laut zum andern gesagt: «Schtell emol de Blumdippe e Schtick riwwer, damit isch das bleede Weib nemmee angucke muss!» Worauf der Kollege einen Blumentopf zwischen ihn und Fräulein X schob.

Bemerkenswert daran ist nicht nur, dass man auch im Saarland alltäglich Dialekt spricht, sondern ebenso, dass einer der Lehrer diese Szene seinen feixenden Schülern weitergab. Das ist über fünfzig Jahre her, doch der Geist, der durch dieses Lehrerzimmer wehte, ist in der männlichen Fussballwelt quicklebendig.

Schon während der letzten Europameisterschaft konnte ZDF-Sportjournalistin Claudia Neumann davon ein Liedchen singen, und in der aktuellen WM ist es keinen Deut besser. Frau Neumann kommentiert nämlich auch diesmal live einige Spiele, und das ertragen viele zuschauende Männer nicht – weil sie eine Frau ist.

Die einen finden ihre Stimme unerträglich, andere wünschen sie an den Herd oder zum Teufel, und das soll noch das Harmloseste an Unflat sein – die sogenannt sozialen Medien machens möglich. Frau Neumann selbst sagte schon nach der EM: «Da kommt ne Frau daher – das ist für manche Männer harter Tobak! Manche gewöhnen sich dran, andere nicht. Das ist ein Querschnitt unserer Gesellschaft!»

So viel Gelassenheit gegenüber bestimmten Teilen des Querschnitts wünsche ich mir meist vergebens.

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