Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Die beargwöhnte Pietistin

Von Brigitte Matern

Was war man denn nun? Preussisch, hauptsächlich schweizerisch, französisch oder preussisch-eidgenössisch? Es herrschte ein ziemliches Durcheinander im Fürstentum Neuenburg, seit im angrenzenden Frankreich die Brotpreise den dritten Stand zur Revolution getrieben hatten. 1775 in Le Locle zur Welt gekommen, erlebte die Bürgertochter die Umbrüche wie im Auge eines Taifuns. Doch auch an der Uhrenstadt gingen die Machtkämpfe rundum nicht spurlos vorüber: Tausende Soldaten zogen durch die Strassen, dazu Flüchtlinge und Kinder, verlassen, verwaist, verwahrlost. Es musste etwas getan werden.

Die Mutter der späteren Direktorin stammte aus einer angesehenen Uhrmacherfamilie, der Vater war Gemeindepräsident und ein begabter Graveur, der die Tochter im Malen und Anfertigen von Emailleminiaturen für Uhren und Broschen unterwies – ein guter Grundstock, künstlerisch wie finanziell, denn eine eigene Zeichenschule ermöglichte der jungen Frau Unabhängigkeit (sie heiratete nie und hätte auch keine Zeit für die Ehe gehabt).

Angesichts des Elends auf den Strassen – das sich durch Missernten noch vergrösserte – eröffnete sie 1815 in Le Locle ein Kinderhaus, zunächst nur für Mädchen. Im Unterschied zu ihrem berühmten Zeitgenossen Pestalozzi leitete sie dieses mit grossem Organisationsgeschick. Ihre Fünf-Rappen-Kollekten brachten sogar wenig Begüterte dazu, für die pädagogische Reformarbeit zu spenden.

Nicht Einschüchterung stand bei ihr auf dem Lehrplan, sondern Talentförderung und Verantwortungsbewusstsein. Dazu gehörten neben Religion – sie war Pietistin – auch Geografie, Geschichte, Mathematik, Literatur und Rhetorik. Dass man mehr Bildung genoss als an öffentlichen Schulen, weckte Neid und Missgunst. Hinzu kamen Standesdünkel: Erziehe man die Armen «über ihren Stand hinaus», hiess es, führe das «zur Abscheu vor notwendigen mechanischen Tätigkeiten». Dabei arbeiteten die Schützlinge durchaus, klöppelten Spitzen und lernten in den hauseigenen Werkstätten schneidern, schustern und zimmern.

Zwanzig Jahre navigierte der «kleine Napoleon» (so ihr Übername) das Unternehmen durch Anfeindungen und Epidemien hindurch, bildete Lehrerinnen aus und knüpfte am Netz der UnterstützerInnen. Dann waren ihre Kräfte erschöpft. 1834 erlag sie einer Typhus- oder Ruhrinfektion.

Wer war die fast vergessene Pädagogin, die 2000 junge Menschen in die Selbstständigkeit führte und die als Kinderhausdirektorin erst mit 55 Jahren ein Gehalt bezog?

Wir fragten wir nach der Schweizer Pädagogin Marie-Anne Calame (1775–1834). Das Kinderhaus in Le Locle gibt es noch immer, es firmiert heute unter dem Namen Centre Pédagogique «Les Billodes».

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