Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Emanzipatorische Katholikin

Von Brigitte Matern

Rothaarig und dazu noch eine Katholische! Die Zehnjährige hatte es nicht leicht, als ihre Familie nach Wallisellen zog. Im überwiegend protestantischen Ort galten «Katholen» als hinterwäldlerisch und «sternehagelsaudumm». Doch die 1914 im aargauischen Wohlen geborene Kaufmannstochter zeigte es den Lästermäulern und war bald Klassenbeste. Weniger gut kam sie mit den Diskriminierungen zurecht, denen sie als Frau begegnete. Schon als Kind fand sie ungerecht, dass sie nicht ministrieren durfte und dass es keine katholischen Priesterinnen gab. Später empörte sie «heisskochend», dass sie rechtlich wie beruflich benachteiligt und politisch entmündigt wurde – obwohl sie weit mehr draufhatte als viele Männer!

Kein Dienst am Vaterland ohne Stimmrecht!, entschied sie deshalb, als Tausende während des Zweiten Weltkriegs in den militärischen Frauenhilfsdienst strömten. Glaubten sie, dass man ihnen danach als Dank das Wahlrecht gewähren würde? Zu jener Zeit war sie bereits Doktorin der Rechtswissenschaften und weitreichend desillusioniert. Bei ihrer Promotion über das Kirchenrecht hatte sie entdeckt, dass die politisch-rechtliche Diskriminierung der Frauen nur Teil einer viel grösseren Diskriminierung war: der geistigen im Christentum, durch Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin.

Damals hätte die langjährige Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht gern ein Grundsatzwerk über «Frauen und Kirche» geschrieben, aber es ging ihr einfach nicht von der Hand. Ihre Stunde kam 1962 mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das Modernisierung versprach. In einer Eingabe an die vorbereitende Kommission forderte sie im Namen «der weiblichen Menschheit, (…) an deren Unterdrückung die Kirche durch ihre Theorie von der Frau in einer das christliche Bewusstsein schwer verletzenden Weise (…) beteiligt ist», gleiche Rechte und ein neues Frauenbild ein. Sie erntete dafür in der Schweizer Presse viel Spott, auch die katholischen Frauen liessen sie kleinmütig im Stich. Doch immerhin war sie mit ihren Forderungen bis ins Innerste der Kirche vorgedrungen, was den fortschrittlichen Kräften Auftrieb gab.

Wie heisst die 1999 verstorbene begeisterte Alpinistin und Wegbereiterin der feministischen Theologie, die den ersten deutschsprachigen Frauenbuchverlag gründete und am 1.  März 1969 mit zum «Marsch auf Bern» aufrief, weil der Bundesrat die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnen, dabei aber das Frauenwahlrecht ausklammern wollte?

Wir fragten nach der Schweizer Juristin und Stimmrechtsaktivistin Gertrud Heinzelmann (1914–1999). Laut Thomas von Aquin waren Jungen das Normalprogramm der Schöpfung: Mädchen würden nur aufgrund eines Defekts (wegen eines fehlerhaften Samens etwa) gezeugt, seien also eine biologische Fehlentwicklung. Heinzelmann zeigte unter anderem auf, dass seine Schriften zudem Widersprüche enthielten und sich mit ihnen das Frauenpriestertum durchaus rechtfertigen liesse. Johannes Paul II. setzte der Diskussion um die Frauenordination 1994 ein Ende, indem er das Priesteramt per Unfehlbarkeitsbeschluss auf Männer beschränkte. Heinzelmann sass von 1956 bis 1976 im Zentralvorstand des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht. 1964 gründete sie den Interfeminas Verlag. Von 1963 bis 1976 führte sie zudem das «Büro gegen Amts- und Verbandswillkür» des Migros-Genossenschafts-Bundes, wo sie unter anderem den Polizei- und Justizskandal «Meier 19» an die Öffentlichkeit brachte.

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