Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Ein Tag im Sofakino

Grosser Sitzledertest im Xenix! Über vierzehn Stunden dauert «La Flor», der sechsteilige Riemen, mit dem der Argentinier Mariano Llinás letztes Jahr in Locarno für Aufsehen sorgte. Schade nur, dass man sich dort dann doch nicht traute, aufs Ganze zu gehen. Den Film gabs nur verteilt auf drei Tage oder in Häppchen von regulärer Spielfilmlänge zu sehen. Den richtigen Marathon kann man jetzt im Sofakino Xenix nachholen: Am Samstag um 10 Uhr gehts los, beim Abspann wird Mitternacht schon vorbei sein. (Und wer seine Ausdauer doch lieber verteilt, kann «La Flor» auch in drei Portionen zwischen Donnerstag und Sonntag schauen, die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle.)

Und der Film? «La Flor» ist eine masslose Hommage ans Kino, verteilt auf sechs unterschiedliche Episoden, von denen jede einem anderen Genre gewidmet ist – vom schauerlichen B-Movie mit Mumie übers Melodrama unter Schlagerstars bis hin zum französischen Autorenfilm. Einzige Konstante sind die vier Darstellerinnen Elisa Carricajo, Pilar Gamboa, Valeria Correa und Laura Paredes, die in allen Episoden mitspielen. Proviant nicht vergessen! 

«La Flor» in: Zürich Kino Xenix, Do–So, 22.–24. März 2019. Genaue Spielzeiten siehe www.xenix.ch.

Florian Keller

Mit geschärftem Blick

In seinem autobiografischen Buch «Ich wollte nur Geschichten erzählen» beschreibt der syrisch-deutsche Autor Rafik Schami, wie er 1971 aus Damaskus nach Deutschland kommt und anfängt, sich nicht nur in der neuen Umgebung, sondern auch in der neuen Sprache zurechtzufinden. Dabei fallen ihm immer wieder Dinge auf, die eine Mehrheit gar nicht mehr sieht, weil man sie schlicht für normal hält. Rafik Schami gehört heute zu den meistgelesenen deutschsprachigen AutorInnen. Zugleich ist er ein begnadeter Livevorleser und -erzähler. Gut möglich also, dass seine Texte erst gesprochen ihre ganze Wucht entfalten. Oder wie er selbst in seiner Dankesrede zum Empfang des Nelly-Sachs-Preises sagte: «Ihre Ohren schenken meinen Worten Leben.»

Rafik Schami liest aus «Ich wollte nur Geschichten erzählen. Mosaik der Fremde» in: Schaffhausen Stadtbibliothek, Di, 26. März 2019, um 19.30 Uhr; in: Bern Buchhandlung Haupt, Mi, 27. März 2019, um 14 Uhr; in: Basel Volkshaus, Do, 28. März 2019, um 19 Uhr.

Daniela Janser

Fifty Shades of Print

Eine kleine Geschichte verschiedener Drucktechniken und überhaupt der ästhetischen, politischen, historischen und literarischen Facetten des Buchdrucks erzählt die Zürcher Künstlerin und Forscherin Mara Züst in ihrem faszinierenden neuen Buch «Kolkata. City of Print», das der kleine, feine Leipziger Verlag Spector Books herausgebracht hat. Gedruckt wurde das Büchlein in Indien, genauer in Kolkata, der titelgebenden Stadt des Buchdrucks, wo bis heute alte Druckmaschinen im Einsatz sind, die hierzulande längst im Museum stehen.

In ihrem Essay, der im Buch zweisprachig auf Englisch und Bengali abgedruckt ist, verfolgt Züst auf ganz persönlichen Gedankenwegen die gegenwärtigen wie historischen Verästelungen von Drucktechnik und Gedrucktem. Darin steckt nicht zuletzt eine Medientheorie, die den Druckprozess als Kommunikationstechnik versteht, die ganz unterschiedliche Menschen, Weltgegenden und Gesellschaftsschichten auf einfachstem Weg – nämlich über eine gedruckte und dann gelesene Buchseite – zusammenbringt.

Buchvernissage von Mara Züsts «Kolkata. City of Print» in: Zürich Material – Raum für Buchkultur, Klingenstrasse 23, Do, 28. März 2019, um 19 Uhr.

Daniela Janser

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