Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

Tischlein, deck dich!

Karin Hoffsten über eine sympathische Nische im grassierenden Konsumwahn

Von Karin Hoffsten

Es ist neun Uhr morgens, und ich stehe etwas verloren inmitten eines kreativen Chaos. Um mich herum werden mit enormer Geschwindigkeit Harasse ausgepackt, Plastikhüllen geleert, Kartons ausgekippt – wäre ich in einem Comic, wirbelten unzählige Einzelteile blitzend durch die Luft, direkt an den richtigen Platz. Nach einer halben Stunde stehen auf Tischen ringsum alle möglichen Waren bereit: Obst, Gemüse, Salat, Getränke, Fertigsaucen, Essig, Öl, Teigwaren, aber auch Duschgel – alles akkurat geordnet und gezählt.

Hier wirken aber keine Heinzelmännchen, sondern die freiwilligen Hilfskräfte des Vereins Tischlein deck dich – und der reale Hintergrund des Geschehens ist alles andere als märchenhaft. Auch in der Schweiz können viele Menschen von den überquellenden Warenbergen nie profitieren, weil ihnen das Geld fehlt. Gleichzeitig landet über ein Drittel aller Lebensmittel – unverdorben und absolut geniessbar – im Müll: Food Waste.

Der Verein Tischlein deck dich sorgt dafür, dass armutsbetroffene Menschen wenigstens einen Teil des Überflüssigen erhalten. Seit 1999 werden Produktspenden aus Landwirtschaft, Industrie, Gross- und Detailhandel gesammelt und in logistischer Präzisionsarbeit zu schweizweit 130 Abgabestellen gebracht, wo sie rund 3000 Freiwillige an bedürftige Personen verteilen, die dafür jeweils einen Franken zahlen.

Menschen, die unter dem Existenzminimum leben müssen, erhalten vom Sozialamt eine Bezugskarte, auf der vermerkt ist, wie viele Personen im Haushalt leben. Wie viele Waren geliefert werden, hängt davon ab, wie stark die jeweilige Abgabestelle besucht wird.

Nun sitze ich neben A., der Leiterin dieser Abgabestelle, im Eingangsbereich eines Zürcher Gemeinschaftszentrums; vor unserem Tisch warten Erwachsene aller Altersklassen und Sprachen, allein oder in Begleitung von Kindern oder Jugendlichen. Während A. die Bezugskarten stempelt, nehme ich die Einfränkler entgegen. Aus einem Stoffsäckchen zieht jede und jeder eine Nummer, die über die Reihenfolge beim Warenbezug entscheidet, damit es kein Gedränge gibt.

Das Nummernziehen nach Zufallsprinzip ermöglicht einen kurzen, persönlichen Kontakt mit allen, es hat etwas Spielerisches und ist gerecht: Wer eine Zahl unter 10 zieht, freut sich wie über einen Lottogewinn; anderen, die enttäuscht gucken, weil sie eine höhere Zahl gezogen haben, versichern wir, dass es für alle genug hat.

Im Saal warten bei jedem Tisch freundliche HelferInnen und geben entsprechend der Familiengrösse Waren ab. Nach einer Stunde sind viele mit gefüllten Taschen gegangen. Wer wartet, kann an einer zweiten Runde teilnehmen, in der alles Verderbliche möglichst restlos verteilt wird.

Eigentlich sollten alle PolitikerInnen, die ihre Sparwut ständig im Sozialbereich austoben, regelmässig zu Tischlein-deck-dich-Tagen verpflichtet werden.

Sich selbst betrachtet Karin Hoffsten als weniger geeignet für die zupackende Aufgabe, weil sie sich schon nach vier Minuten in den Finger geschnitten hatte.

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