Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

Der respektvolle Chronist

Von Brigitte Matern

Er war ein Reisender in einer brutalen Welt. Hat die Leichenberge in Ruanda, die ausgezehrten Flüchtlinge im Kongo gesehen, die brennenden Ölfelder Kuwaits, Hass und Verzweiflung im zerbrechenden Jugoslawien. Nicht nur ein paar Tage, über viele Monate recherchierte er vor Ort. Bis er es nicht mehr ertrug.

1944 im Südosten Brasiliens, dem «schönsten Land der Erde», geboren, war er in einem Paradies aufgewachsen, wie er sagt: am Rand des Regenwalds auf einer Farm, wo es weder Arm noch Reich gab und man Nachrichten nur per Kurzwellenradio empfing (sofern es nicht regnete). Auf dem Pferd durchstreifte er das Rio-Doce-Tal, schwamm im Fluss zwischen Kaimanen, und was ein Telefon ist, erfuhr er erst, als er eine weiterführende Schule in der Hafenstadt Vitória besuchte. Damals erlebte Brasilien gerade eine Wirtschaftsblüte, und so schrieb er sich, nunmehr Student, an der Universität São Paulo begeistert für Ökonomie ein.

Dann aber putschte 1964, von der CIA unterstützt, das Militär. Für soziale Probleme längst sensibilisiert, engagierte er sich in der linken Opposition und musste schliesslich – es folgte gnadenlose Repression – nach Frankreich emigrieren. An seiner Seite Lélia, eine angehende Architektin, ohne die sein späteres Werk nicht denkbar gewesen wäre. Er fand eine gute Anstellung bei der Internationalen Kaffeeorganisation in London, für die er als Ökonom Entwicklungsprojekte aufzog, lernte dabei Afrika, «die andere Hälfte Brasiliens», lieben. Und fotografieren.

1973 pfiff er auf ein sicheres Einkommen, machte sein Hobby zum Beruf und wurde ein Meister der Sozialreportage. Lebte unter den Goldschürfern im Norden Brasiliens, bei Kohlearbeitern im indischen Bihar, unter den Schiffsabwrackern Bangladeschs, den ZuckerrohrarbeiterInnen Kubas, gab Landlosen und Flüchtlingen ein Gesicht und machte die Weltöffentlichkeit mit seinen Schwarzweissaufnahmen zur Augenzeugin von Hunger, Gewalt und Zerstörung (nicht nur) in Afrika. Dann streikte die Seele. An seiner Spezies fast verzweifelt, richtete er 2002 den Fokus auf das Unzerstörte, fotografierte Landschaften, Wildtiere und Menschen fernab der Zivilisation – und schuf so eine Liebeserklärung an die Natur, die ihn am Ende genesen liess.

Wie heisst der Umwelt- und Sozialaktivist, der unsere nahe Verwandtschaft mit den Leguanen auf Fotopapier bannte und einmal sagte, dass die Welt friedlicher wäre, wenn alle Menschen das Chromosom 21 in dreifacher Ausfertigung besässen?

Wir fragten nach dem brasilianisch-französischen Fotografen Sebastião Ribeiro Salgado (*1944). Rund 120 Länder hat Salgado im Laufe seiner vierzig Jahre als Fotoreporter bereist. Er arbeitete für Fotoagenturen wie Magnum und für Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, das UNHCR und Unicef. Heute betreibt er auf seiner Farm das Umweltprojekt Instituto Terra, das mit bislang vier Millionen Baumsetzlingen erodiertes Land wieder zum Leben erweckt. An seinem Sohn Rodrigo, der mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom, zur Welt gekommen ist, fasziniert ihn die Herzlichkeit und das völlige Fehlen von Aggression.

Lélia Deluiz Wanick Salgado, Direktorin der Salgado-Fotoagentur Amazonas Images, Familienmanagerin und Ideengeberin, hat neben ihrer moralischen, operationellen und finanziellen Unterstützungsarbeit auch seine wunderbaren Bildbände konzipiert und gestaltet. Empfehlenswert ist der vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilm «Das Salz der Erde» über Sebastião Salgado, den sein Sohn Juliano und Wim Wenders 2014 gedreht haben. Salgados Liebeserklärung an die Natur, «Genesis», ist noch bis 23. Juni im Zürcher Museum für Gestaltung zu sehen.

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