Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Boulevardeske Blasen

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Es gibt diverse Gründe, sich um die Printmedien Sorgen zu machen: finanzielle und inhaltliche. Wer hat schon Lust, für bedrucktes Papier Geld auszugeben, wenn es einem gratis hinterhergeschmissen wird – auch wenn da Quatsch draufsteht.

Doch Konkurrenz erzeugt Druck, und obwohl ich einen gepflegten Boulevard schätze, sehe ich mit Bedauern, dass sich der «Tages-Anzeiger» immer häufiger bei dessen düsteren Seiten bedient, zum Beispiel mit dem Titel «Von Auto abgeschossen» über einer Unfallnachricht. So wird der Unfall zum gelungenen Zug im Ballergame.

Auch bei Verbrechen greift man inzwischen ganz offen auf die boulevardeske Konkurrenz zurück: «Im ‹Blick› hatte die Freundin des Opfers gesagt, dass die junge Frau in der Lehre in einer Konditorei von einem üblen Stalker verfolgt und belästigt worden sei.» Aber dieser hat die Frau gar nicht umgebracht, bei ihm handelte es sich nämlich um «einen zweiten Stalker, der mit der Tat nichts zu tun hat. Dieser ist ebenfalls psychisch beeinträchtigt und hat bis vor einem Jahr in der gleichen sozialen Einrichtung in Winterthur wie das Opfer gearbeitet.» Oder gerade kürzlich: «Angehörige bestätigen gegenüber ‹20 Minuten online›, dass der Mann vor dem Haus, direkt vor der Tiefgarage, erstochen wurde. Er habe seinen Lieferwagen davor parkiert und sei gerade ausgestiegen, als ihn der oder die Täter angegriffen hätten. Danach habe er sich blutend in die Wohnung geschleppt.»

Mit meiner Kritik an der Formulierung, dass ein verurteilter Täter «wieder eingefangen wurde», lag ich aber falsch. Laut Duden kann man nicht nur Vögel und ausgebüxte Rinder einfangen, sondern auch «einen Verbrecher». Na dann.

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