Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

Alabama im Kopf

Von Karin Hoffsten

Unsereins schielt ja derzeit fassungslos nach Georgia oder Alabama, wo die Regierenden gerade die gesetzlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch aktualisiert haben. Die Details dazu lesen sich, als unternähme man eine Zeitreise in die drückend heissen Südstaaten der Scarlett O’Hara, inklusive Sklaverei.

Der Gouverneur von Alabama will Abtreibung ganz verbieten – ÄrztInnen, die es trotzdem wagen, drohen 99 Jahre Gefängnis –, und in Georgia verbietet das Gesetz einen Abbruch, sobald beim Embryo ein Herzschlag zu spüren ist, was ab sechs Wochen sein kann und bevor eine Frau ihre Schwangerschaft überhaupt bemerkt hat.

Und während man noch erleichtert denkt: Wenigstens das gibts hierzulande nicht, kommt aus St. Gallen eine Nachricht, die vom selben Geiste zeugt: Im Sexualkundeunterricht an der Sekundarschule verwendete eine junge Lehrerin Arbeitsblätter, die einen das Schaudern lehren: Eines vergleicht die Abtreibungszahlen mit dem Holocaust, das andere spintisiert in unerträglichem Kitsch, wie ein Ungeborenes nach seiner Schlachtung auf Jesu Schoss sitzt. Die st. gallische Schulbehörde hat sich zwar entschieden davon distanziert, aber in Kreisen, deren oberster Vorsitzender einen Schwangerschaftsabbruch kürzlich mit Auftragsmord verglich, kursiert solcher Schwachsinn offenbar.

Die Lehrerin soll das Material im Studium von einem Praktikumslehrer erhalten haben. Dass sie es im Biologieunterricht eingesetzt hat, spricht nicht für ihr Urteilsvermögen und weckt die beunruhigende Frage, was so jemand eigentlich in anderen Fächern alles von sich gibt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch