Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Die Anführerin

Wenn Männer Geschichte schreiben, entgehen Frauen oft der Aufmerksamkeit, auch wenn sie eine herausragende Rolle spielen. Eine von diesen Frauen ist die kommunistische Kämpferin Nahla Chahal aus dem Libanon.

Von Monika Bolliger, Tripoli

Kämpferin einer Murabitun-Miliz der Libanesischen Nationalbewegung in Beirut 1984. Foto: Jacques Langevin, Getty

Nahla Chahal strahlt eine natürliche Autorität aus. Sie spricht in glasklaren Sätzen. Jedes Wort sitzt. Chahal, Mitte sechzig, ist Soziologin – und politisch aktiv, seit sie ein Teenager war. Sie bezeichnet sich als linke Kämpferin, arabisch «munadleh», was keineswegs militärisch gemeint ist. Und doch hat sie auch mit Waffen gekämpft: im Libanesischen Bürgerkrieg.

Das kam so: Für die Organisation pour l’action communiste au Liban (OACL) war Chahal für den Nordlibanon verantwortlich, als 1975 der Bürgerkrieg begann. Wie damals alle politischen Parteien nahm auch die OACL an bewaffneten Kämpfen teil. «Für mich war klar, dass ich damit auch die militärische Verantwortung trug. Man sagte mir zwar, das Militärische sei Männersache. Aber das machte mich nur noch sturer», erzählt sie. «Nicht nur aus einer feministischen Haltung heraus, sondern auch, weil ich überzeugt war, eine gute Anführerin zu sein.»

Warum? «Weil ich den Krieg verabscheute», sagt Chahal. «Und weil es meine höchste Priorität war, Todesopfer zu vermeiden.» Der Wettbewerb vieler Männer darum, wer der grössere Held war, interessierte sie nicht. Wenn eine Operation nicht gut geplant war, verweigerte sie die Teilnahme. Und sie versuchte, ihre Feinde zu schonen: Bei einem Angriff auf die Stellung einer Miliz etwa bestand sie darauf, einen Fluchtweg für deren Kämpfer einzurichten. Von ihren KämpferInnen seien während fast zehn Jahren Krieg nur zehn ums Leben gekommen, sagt sie. «Darauf bin ich stolz. Andere haben Hunderte verloren.»

Zwischen Führungs- und Mutterrolle

Nahla Chahal kokettiert nie, wenn sie redet. Es klingt wie eine neutrale Feststellung, wenn sie erzählt, dass sie bis heute immer wieder von fremden Leuten auf der Strasse gegrüsst werde – was bei einem Spaziergang durch Tripoli auch tatsächlich geschieht. «Madame Nahla, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich grossen Respekt vor Ihnen habe», spricht ein Passant sie an.

Kennt sie ihn? «Madame Nahla» verneint. «Es gab damals nicht so viele Frauen, die politisch und militärisch aktiv waren, und ich war wohl die auffälligste. Deshalb erinnern sich alle an mich», bemerkt sie trocken. Im Lauf unserer Gespräche löst sich das kühle Bild von ihr jedoch immer mehr auf – zum Beispiel, wenn sie von ihren Töchtern erzählt. Manchmal würden die Leute das nicht zusammenbringen, erzählt sie etwas erstaunt. Da ist Chahal, die besorgte Mutter, und Chahal, die unerschrockene Anführerin, die gegen alle kämpfte, die im Lauf des Libanesischen Bürgerkriegs die Waffen gegen den palästinensischen Widerstand erhoben.

Wie kam es dazu, dass sie es in eine solche Position schaffte? «Wenn du als Frau in eine Führungsrolle willst – besonders im Krieg, einer sehr patriarchalen Angelegenheit –, musst du nicht doppelt so gut sein wie die Männer. Du musst zehnmal so gut sein. Und dann, wenn du sie alle meilenweit hinter dir gelassen hast, passiert etwas Seltsames. Dann vermischen sie die Führungs- und die Mutterrolle, und sie beginnen, dich zu vergöttern.»

Immer wieder kommt Chahal auf ihr Elternhaus als prägendes Element zu sprechen. Beide Eltern waren KommunistInnen. Ihr Vater entstammte einer sunnitischen Händlerfamilie aus der nordlibanesischen Stadt Tripoli und war Arzt. Ihre Mutter – man nannte sie «Madame Victoria» – war Irakerin aus einer konservativen christlichen Familie und beim Jusstudium in Bagdad Kommunistin geworden. Als eine der ersten arabischen Frauen überhaupt wurde Madame Victoria Anwältin, durfte ihren Beruf im konservativen Tripoli jedoch nicht praktizieren. Stattdessen wurde sie Lehrerin und gründete die erste öffentliche Sekundarschule für Mädchen. Schon als Fünfzehnjährige trat Nahla der Kommunistischen Partei bei. Es schien natürlich. «Ich erlebte politische Treffen schon als kleines Kind mit.»

Sexistische Rollenbilder waren im Hause Chahal fremd. So fremd, dass die junge Nahla nichts verstand, als ihr im Alter von siebzehn Jahren eine ältere Frau beschied, die Leute würden über sie sagen, sie sei kein Mädchen. Man fand wohl, sie verhalte sich wie ein Mann, dachte Nahla damals. Nur der Gesichtsausdruck der Frau machte sie stutzig. Jahre später durchfuhr es sie: «Sie meinte damit, dass ich keine Jungfrau sei! Und ja, ich spazierte damals mit meinem Freund durch die Strassen. Bei uns zu Hause war das kein Thema.»

In jener Zeit begann sich die arabische Linke zu wandeln. Es war nach 1967, der arabischen Niederlage im Sechstagekrieg gegen Israel. Die Sowjetunion verhielt sich ambivalent. Und im Libanon überstürzten sich die Ereignisse; 1969 übernahmen die PalästinenserInnen dort mit dem Kairo-Abkommen die Kontrolle über ihre Flüchtlingslager. Und 1970 verlegte die Führung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unter Yassir Arafat ihren Sitz von Jordanien nach Beirut. In Westeuropa und Nordamerika formierte sich derweil die Neue Linke: Die Ideen einer Bewegung, die sich vom sowjetischen Realsozialismus emanzipierte und weniger eurozentrisch war, fanden auch im Nahen Osten Anklang.

Das Grab der Revolution

Auch die junge Nahla liess sich von den neuen Ideen begeistern. Mit knapp 18 war sie bei der Gründung der OACL dabei, einer von mehreren neuen linken Parteien, die in jener Zeit entstanden. Mit 21 liess sie sich zur Überraschung einiger Männer beim ersten Kongress der Organisation gleich ins politische Büro wählen. «Ich dachte mir nicht viel dabei», erinnert sie sich. «Ich hielt meine Hand hoch und sagte: ‹Ich kandidiere auch!›» Zum Ärger einiger älterer Führungsfiguren wurde Chahal sofort gewählt. Mit Anfang 20 war sie damit politische Verantwortliche für die OACL in ihrer Heimatregion.

Ein Kernanliegen der neuen linken Organisationen war der palästinensische Widerstand, den man als Bewegung zur Befreiung vom westlichen Imperialismus verstand, als Teil einer grösseren Revolution, die die ganze Region verändern würde. «Unsere Bewegung wurde im Bürgerkrieg rasch ausmanövriert; von einer Bewegung mit einem Versprechen für die ganze Region wurde sie zur Kriegspartei», sagt Chahal. «Der Krieg war das Grab der Revolution.»

Entsprechend dem nach konfessionellen Quoten organisierten politischen System im Libanon verliefen die Konfliktlinien rasch entlang religiöser Gruppen. So formierten sich auch die Machtkämpfe: Muslime töteten ChristInnen, Christen töteten MuslimInnen. Die PalästinenserInnen und ihre Verbündeten galten ihren GegnerInnen als Armee der (sunnitischen) Muslime, obwohl bei der Allianz aus PalästinenserInnen und linken oder panarabisch orientierten libanesischen Gruppen auch Christen in führenden Positionen beteiligt waren. Mit dem Friedensabkommen von Camp David 1978 zwischen Ägypten und Israel, der zunehmenden Wahrnehmung, dass der Panarabismus gescheitert war, sowie der Iranischen Revolution 1979 wurden islamistische Bewegungen stärker, was sich auch auf den Libanesischen Bürgerkrieg auswirkte.

Mit sich selbst im Reinen

Für Chahal kam das Ende ihres Engagements bei der OACL relativ bald nach dem israelischen Einmarsch 1982. Als die Truppen vor den Toren Beiruts standen, entschied sich die PLO zum Abzug. Die lokalen Verbündeten gingen in den Untergrund. Chahal argumentierte, es gebe für politisches und militärisches Engagement keinen Raum mehr, man solle sich stattdessen auf die konzeptuelle Arbeit konzentrieren. Aber sie gehörte mit ihrer Meinung zu einer Minderheit. 1984 zog sie sich zurück. Bald sah sie sich gezwungen, das Land zu verlassen: Sie hatte Grund zur Annahme, dass der syrische Geheimdienst sie töten wollte. Und sie sorgte sich um ihre damals dreijährige Tochter. So emigrierte sie nach Paris.

Erst 2011 kam Chahal wieder in den Libanon zurück. Sie hatte eben die linke Zeitschrift «As-safir al-arabi» (zu Deutsch etwa: Der arabische Bote) ins Leben gerufen, als der Arabische Frühling begann. In dem Moment fand sie, es sei an der Zeit, zurückzukehren.

In der unabhängigen Zeitschrift schreibt ein Netzwerk junger arabischer AutorInnen vor allem über Formen des Widerstands gegen die Herrschenden in der Region. Chahal ist bis heute politisch engagiert, auch für Palästina. Der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit treibe sie an, sagt sie. «Ich bin nicht dogmatisch. Aber ich glaube, dass Menschen ein besseres Leben haben können. Ich kam aus gutbürgerlichem Haus, aber es störte mich, dass es anderen nicht so gut ging. Unrecht provoziert mich.»

Wenn sie an ihre Rolle im Libanesischen Bürgerkrieg zurückdenkt, ist Chahal mit sich selbst im Reinen. Dennoch wurde auch sie mit dessen tiefsten Abgründen konfrontiert. 1976 hatte das propalästinensische Bündnis die Einnahme des christlichen Ortes Chekka geplant, als Druckmittel, um die Belagerung eines palästinensischen Camps zu lösen. Doch die Vorhut richtete unter den BewohnerInnen ein Massaker an. Als Chahals Gruppe die Stadt betrat, fand sie überall Tote. «Ich bereue Chekka zutiefst», sagt sie heute, und ihre sonst so klare, ruhige Stimme kommt ins Beben. «Es war ausserhalb meiner Kontrolle, aber trotzdem. Jahre später noch erwachte ich mitten in der Nacht, schweissgebadet, und sah vor meinem inneren Auge die Bilder. Bis heute sehe ich diese tote Frau im Garten ihres Hauses vor mir, in einem blauen Kleid mit weissen Blumen.»

Damals sei sie fassungslos gewesen. Sie hätte nie mit einem solchen Verrat an der Sache gerechnet. Heute sieht sie ihr junges Selbst ein bisschen wie eine Karikatur. Sie sei mit so klaren Werten aufgewachsen, dass sie lange nicht realisiert habe, dass die Welt da draussen eine andere sei. Zugleich ist sie überzeugt, dass ihre Herkunft und Erziehung ein Privileg waren, das sie in schwierigen Zeiten letztlich auch schützte.

Ihr Vater habe ihr als Kind gesagt: «Alles, was wir tun, wofür wir kämpfen, ist für die Menschen. Wir kämpfen, um das Leben der Menschen zu verbessern.» Als er einst in den frühen Sechzigern von einem Besuch aus der Sowjetunion zurückkehrte, sei er niedergeschlagen gewesen. Die Leute dort seien nicht glücklich, habe er gesagt, dabei sei dies das Wichtigste: dass die Leute glücklich seien. «Essen und Trinken reichen nicht. Sie müssen in ihrer Gesamtheit als Menschen glücklich sein», sagt Nahla Chahal. Vielleicht sei dies das Gerede von Intellektuellen, nicht von Kämpfern, fügt sie an. «Ich bin wohl keine gute Politikerin, keine gute Parteisoldatin. Manche sagen, das sei eine bourgeoise Haltung, eine Einstellung für Tugendhafte. Aber das bin nun mal ich.»

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