Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Die Igelparabel

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Kürzlich befragte «20 Minuten», Schweizer Medium für die subtile Sondierung von Volksstimmungen, wieder mal das Publikum. Die Frage lautete: «Was würdest du tun, wenn du einen verletzten Igel auf der Strasse finden würdest?» Wählen konnte man zwischen A) «Ich würde ihn aufheben und ihn sofort zum Tierarzt bringen», B) «Ich hätte Angst, ihn zu berühren. Deshalb würde ich ihn liegen lassen» und C) «Ich hätte Angst, ihn zu berühren. Deshalb würde ich ihn liegen lassen.» Ja, Sie haben richtig gelesen.

92 Prozent würden (zumindest in Gedanken) den Igel retten wollen, 5 Prozent entschieden sich für B und 3 Prozent für C, und die Differenz zwischen B und C liess mich an den Wahlkampf der Schweizer «Mitte»-Parteien denken.

Der Versuch der CVP, mit ihrer Kampagne, die beim Googeln von Nicht-CVP-PolitikerInnen eine CVP-Website aufploppen liess, «inhaltliche Unterschiede» herauszuarbeiten, kann klar als gescheitert betrachtet werden. Inzwischen ploppt auch nichts mehr – wahrscheinlich war das Budget alle.

Auch sonst ist wenig los in der Mitte, und Frau Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die sich vor FDP-Frauen mit der Aussage «Man kann nicht alles haben» gegen eine Elternzeit aussprach, hat erneut deutlich gemacht, dass das Vorhandensein weiblicher Geschlechtsmerkmale nichts darüber aussagt, was deren Trägerin von der Gleichstellung hält. Dem nachfolgenden Shitstorm versuchte ihr Sprecher semantisch zu begegnen: ‹Man› sei ein Pronomen, das sich nicht nur auf ein Geschlecht beziehe.

Bleibt zu hoffen, dass die vielen «20 Minuten» lesenden IgelretterInnen ihre Liebe zur Natur wenigstens an die Urne tragen.

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