Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Der Schein trügt gern

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Die längst verjährte Scheinehe des Viktor Giacobbo sorgt derzeit für mehr Wellen, als es manch politisches Geschäft verdient hätte. Je nach Weltanschauung evoziert sie sittliche Empörung und den Ruf nach strafrechtlichen Schritten oder mildes Verständnis, wenn nicht gar Achtung.

Da hat einer den glücklichen Lebensbund zweier liebender Frauen ermöglicht, indem er der einen durch Heirat den Verbleib im Land sicherte, finden die einen. Die anderen – vorzugsweise aus der Partei, deren Namen ich hier meide – wollen der einstmals ausländischen Geliebten den Schweizer Pass entziehen und sie des Landes verweisen, wenn man sie schon nicht einkerkern kann.

Die Abgeklärteren fragen, was denn überhaupt eine Ehe zur Scheinehe mache und ob nicht jede Ehe, in der die Kopulationshäufigkeit signifikant abnehme, zur Scheinehe erklärt werden müsse. Und denken, dass die Einführung der «Ehe für alle» Scheinehen sowieso obsolet mache, zumindest für die LGBT-Community, und für alle andern auch, führte man global die Niederlassungsfreiheit ein.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Scheinehen nicht zwangsläufig zu Scheinschwangerschaften führen, höchstens in seltenen Fällen mal zu einer echten. Aber das sind gesamtgesellschaftlich gesehen Scheinprobleme.

Beim Wort «Scheininvalider» vermerkt der Duden übrigens «schweizerisch». Dass man sich überhaupt so einen Begriff einfallen lässt, scheint ein bisschen scheinheilig. Aber irgendwie passts auch wieder dazu, dass man zur Sicherung der Neutralität gern Waffen verkauft – an alle Seiten und nicht nur zum Schein.

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