Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Der humorvolle Beobachter

Von Brigitte Matern

«Wie barmherzig sind Kleider, wie wohltätig, wie mächtig, wie unschätzbar wertvoll! Meine vermögen eine menschliche Null in einen schauerlichen Alpdruck für die ganze Welt zu verwandeln.» Diese Worte legte der US-Autor dem russischen Zaren in den Mund und liess ihn darüber jubilieren, dass dem Volk gepredigt werde, Gewalt gegen Monarchen sei ein Verbrechen, dabei hielten diese sich doch selbst nur «mit Mord, Verrat, Meineid, Folter, Verbannung und Gefängnis» auf dem Thron. Das fiktive Selbstgespräch, beissend satirisch, war im März 1905 in der «North American Review» erschienen, nachdem Nikolai I. einen Streik blutig niedergeschlagen hatte. Doch der Schreiber, der zuvor schon das Vorgehen des Westens im chinesischen Boxeraufstand kritisiert und die Gräueltaten des belgischen Königs im Kongo angeprangert hatte, war nicht immer so radikal gewesen.

1835 in Missouri geboren, musste der Juristensohn heftig strampeln, bis er sich die lauten Töne leisten konnte. Mit elf, bereits Halbwaise, musste er die Schule verlassen und machte eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Danach ging er auf Wanderschaft durch die USA, arbeitete in Druckereien, schrieb für Zeitungen und holte in Bibliotheken die verpasste Bildung nach. Mit Anfang zwanzig erfüllte er sich einen Traum, erwarb das Lotsenpatent und schipperte ein paar Jahre den Mississippi rauf und runter – bis der Sezessionskrieg 1861 die Schifffahrt zum Erliegen brachte. Ohne Arbeit und auch als Goldgräber glücklos, versank er in Alkohol und Schulden. Rettung brachte eine Kurzgeschichte über einen springunfähigen Frosch. Sie war der Startschuss für seine Karriere als Schriftsteller und Humorist.

Den zweiten wirtschaftlichen Schiffbruch erlitt er – inzwischen verheiratet und Autor zweier Jugendbuchbestseller – als Anteilseigner einer Druckerei: Die Investition in eine letztlich funktionsuntüchtige Setzmaschine trieb den Technikbegeisterten in den Ruin. Um die Schulden zu begleichen, ging er auf Welttournee, gab Lesungen, hielt Vorträge. Neun Jahre war der hellhörige Beobachter unterwegs, und als er im Jahr 1900 saniert in die Staaten zurückkehrte, war aus dem Patrioten ein scharfzüngiger Gegner (nicht nur) des US-amerikanischen Imperialismus geworden.

Wer war der 1910 verstorbene, stilbildende Kritiker von Machtgier und Doppelmoral, der einmal gesagt hatte, dass es ohne untragbare Zustände nie eine Revolution gegeben hätte und er deshalb immer auf der Seite der RevolutionärInnen stehe?

Wir fragten nach dem US-amerikanischen Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain (1835–1910). Bekannt wurde der Autor von Klassikern wie «Tom Sawyer» und «Huckleberry Finn» mit der Kurzgeschichte «Der berühmte Springfrosch von Calaveras» (1865). In seinem wunderbar satirischen Reisebericht «Bummel durch Europa» nahm er auch die Schweiz aufs Korn; dieser Teil erschien 2019 separat bei Diogenes (Mark Twain: «In der Schweiz»). Von 1900 bis zu seinem Tod war er Vizepräsident der US-amerikanischen Antiimperialistischen Liga. Die Texte dieser Zeit – etwa das «Selbstgespräch des Zaren», «Die Vereinigten Lynchstaaten von Amerika» oder «Das Kriegsgebet» – sind heute weitgehend unbekannt. Im Gegensatz zu seinem Rat an Schriftstellerinnen und Redaktoren: «Wenn du ein Adjektiv findest, bring es um. Zumindest die meisten.»

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