Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Die scharfzüngige Hebamme

Von Brigitte Matern

Was hatte sie hier verloren? Welches Verbrechen legte man ihr zur Last? Nun gut, sie hatte in ihrem Bibelkreis gesagt, dass die Pastoren Unwahres predigten, und auch die Heilige Schrift legte sie auf eigene Weise aus. Aber war das nicht von ihrer Freiheit als Christenmensch gedeckt? Bereits seit drei Tagen stand die gebildete Puritanerin nun in Boston vor Gericht. Von Ketzerei, Verleumdung und Aufwiegelei war die Rede; dass sie sich in religiöse Belange einmische, was Frauen nicht zustünde. Eine rechtliche Handhabe fanden die Richter allerdings nicht. So verurteilten sie die Mittvierzigerin, die sich weder das Denken noch den Mund verbieten liess, eben ohne Angabe von Gründen: «Das Gericht weiss, weshalb, und ist damit zufrieden», hiess es lapidar. Das war 1637.

Drei Jahre zuvor erst war die 1591 in Lincolnshire geborene Pastorentochter nach Nordamerika in die Massachusetts Bay emigriert. Wie so viele ProtestantInnen calvinistischer Prägung hatte sie gehofft, dort mit Mann und Kindern ungehindert ihren Glauben leben zu können. Sie engagierte sich in der Bostoner Gemeinde als Hebamme, diskutierte mit Frauen Bibeltexte (zur Empörung kirchlicher Moralapostel stiessen auch Männer dazu), stellte die Minderwertigkeit von Frauen und die Autorität von Priestern infrage. Womit sie in der jungen, auf religiösen Grundsätzen basierenden Kolonie automatisch das Führungspersonal gegen sich aufbrachte. Die Reaktion war scharf, zumal die Gruppe der vermeintlichen SektiererInnen immer grösser wurde.

1638 wurde die missliebige Bibelexegetin aus der Kolonie geworfen. «Ich liefere Sie dem Satan aus», hatte kurz zuvor auch das Kirchengericht beschieden, «damit Sie lernen, nicht mehr Gott zu lästern und andere aufzuwiegeln.» Mit zahlreichen AnhängerInnen im Gefolge zog die Exkommunizierte nach Süden, wo sie auf Rhode Island eine demokratisch verfasste Siedlung mit aufbaute, in der weltliche und kirchliche Macht strikt getrennt waren und Glaubensfreiheit herrschte. Lange konnte sie sich der errungenen Souveränität jedoch nicht erfreuen, 1643 kam sie bei einem Überfall des Siwanoy-Stamms ums Leben.

Wer war die Vorkämpferin für BürgerInnenrechte und religiöse Toleranz, der man in Boston vorgeworfen hatte, «ein Ehemann statt eine Ehefrau, ein Pfarrer statt eine Zuhörerin, ein Magistrat statt ein Untertan» gewesen zu sein?

Wir fragten nach der angloamerikanischen Predigerin Anne Hutchinson (1591–1643). Ein Jahr nach ihrem Tod schloss sich die Siedlung auf Rhode Island mit anderen Niederlassungen in der Narragansett Bay zu einer Kolonie zusammen, aus der später der US-Bundesstaat Rhode Island entstand. Die Sklaverei wurde hier schon 1652 abgeschafft. Dass Anne Hutchinson zeitlebens auf einen guten Umgang mit den UreinwohnerInnen bedacht war, nutzte ihr am Ende nichts: Sie wurde Opfer eines von der Niederländischen Westindien-Kompanie provozierten Kriegs, unter anderem gegen die Siwanoy. 1922 wurde Hutchinson in Boston mit einer Statue geehrt und 1987 von Massachusetts’ Gouverneur Michael Dukakis offiziell rehabilitiert.

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