Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Überdehnte

In einer feuilletonistischen Betrachtung der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hiess es: «Wenn überhaupt ist das Biedermeierliche an ‹Fiat Justitia› bei einem Künstler wie Spitzweg, der sechs Fremdsprachen beherrschte, bis nach Ägypten und auf alle Weltausstellungen seiner Zeit wie Paris und London reiste, dass er diese permanent bespitzelte Friedhofsruhe in Rückzugsbilder goss sowie seine vage Hoffnung, dass die Aussage seines gemalten ‹J’accuse› durch gelehrte Hinweise im Bild von den klügeren Zeitgenossen verstanden würde.» Wir hegen die vage Hoffnung, dass sich wenigstens die Klügeren unter uns Nachgeborenen dieser Textpassage gewachsen fühlen. 

Leichtfüssige

Aus Augsburg berichtete der «Tages-Anzeiger»: «Ein angeblich gehbehinderter Bettler hat die Polizei in der bayerischen Stadt auf Trab gehalten. (…) Er bekam einen Platzverweis, war aber bald wieder vor Ort. Ein weiterer gehbehinderter Bettler beobachtete, wie der junge Mann von der Polizei festgenommen wurde, und rannte behände davon.» So konnte endlich erstmals beobachtet werden, wie einer die Beine in die Hand nimmt. 

Ausgeglichene

Zwischen all den aufschreckenden Nachrichten über den rekordwarmen Winter beruhigte uns die «Meteo»-Redaktorin am Sonntag auf SRF mit einer Meldung, die beweist, dass unsere Welt noch immer im Lot ist: «D Nullgradgrenze, die liit morn wiiterhin so um null Grad ume.» 

Schmerzliche

Markus Somms Kolumne in der «SonntagsZeitung» wurde auf tagesanzeiger.ch von folgender Bildlegende begleitet: «Der finnische Schiffsmotorenhersteller zieht es von Winterthur von Frauenfeld.» Was da genau in den Thurgau gezogen wird, wissen wir nicht, vermutlich ein Produktionsgebäude. Im Text hiess es dann über Winterthur: «In den vergangenen Jahren ist die Stadt zwar stark gewachsen, und nirgendwo gibt es Armut zu beklagen, doch der grösste Arbeitgeber stellt nicht mehr die Maschinenindustrie oder die Versicherungswirtschaft dar, also der private, produktive Sektor, sondern die Stadtverwaltung (…).» Dass der grösste Arbeitgeber Winterthurs nun auch noch so tut, als sei er die Stadtverwaltung, empört uns allerdings. 

Unterstützende

Oben genanntes Beispiel zeigt, dass es der Akkusativ im Hause Tamedia, jetzt TX Group, wirklich nicht leicht hat. Umso mehr freut uns, wie der «Tages-Anzeiger» die Aussage einer Belastungszeugin im Prozess gegen Harvey Weinstein zitierte. Damit zeigt die Zeitung, dass ihr zumindest das Überleben des Genitivs enorm am Herzen liegt: «Er widersetzte sich mit Leichtigkeit ihrer Versuche, da wegzukommen.» 

Spendable

Wir haben auch wieder Post von einem Wohltäter bekommen, der uns «einen Betrag von 3.500.000 US-Dollar» in Aussicht stellt. Charles W. Jackson Jr. und seine Familie «hoffen, dass Sie das Geld mit Bedacht und Vernunft einsetzen können. Wir werden Sie dazu verpflichten, alles zu tun, um die Armut in Ihrer Region zu lindern.» Wenn es mit Winterthur weiter so bergab geht wie oben beschrieben, kann diese Region das Geld sicher bald gut gebrauchen. 

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