Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

Die ungehörige Denkerin

Von Brigitte Matern

Ihr Gatte war wohlhabend und liebenswert, trug sie auf Händen. Doch offenbar genügte das der intelligenten jungen Frau nicht. Bereits Mutter dreier Kinder, lernte sie einen leitenden Angestellten der britischen Ostindien-Kompanie kennen, der ihr geistig ebenbürtig erschien (was sie ihrem Mann kundtat), und verliebte sich. Zwar blieb die Beziehung platonisch und auf einen intensiven Gedankenaustausch beschränkt, für die viktorianische Gesellschaft war sie dennoch ein Affront. Warum begünstigte der Gatte das Verhältnis, indem er das Haus verliess, wenn sie sich trafen? Weshalb finanzierte er ihr später einen eigenen Hausstand, sodass die zwei sich noch ungestörter treffen konnten? Hatte er sie mit Syphilis angesteckt, wie eine Forscherin vermutet? War seine Toleranz also eine Art Wiedergutmachung?

Sicher ist nur, dass die 1807 in London geborene Arzttochter ihren Gatten eine Zeit lang pflegte, bevor er 1849 starb. Und dass sie den Seelenfreund erst nach angemessener Trauerzeit ehelichte. Den ungehörigen Lebenswandel nahm man ihr dennoch übel, sodass sie sich mit ihrem Gatten (auch er hiess John) auf ein Anwesen in Südostlondon zurückzog, wo sie zusammen – wie schon zuvor, wenn er nicht für die Kompanie arbeiten musste – politisch-philosophische Fragen diskutierten.

John war Utilitarist, fragte bei allem nach dem Nutzen für die Gesellschaft, und er war ein Verfechter von Freiheit und Gleichheit (was die Frauen selbstverständlich miteinbezog). Sie war erklärte Gegnerin der Ehegesetze, besass eine schnelle Auffassungsgabe und war für den ohne elterliche Zuneigung aufgewachsenen Philosophen von bereichernder Emotionalität und zupackender Selbstsicherheit. Als intellektuelles Powergespann besprachen sie gemeinsam ihre Artikel- und Buchmanuskripte, die meist unter seinem Namen veröffentlicht wurden (wobei er ihre Mitarbeit nicht unterschlug und auch zugab, dass er gelegentlich wie ein Sekretär nur die Schreibfeder führte).

Die symbiotisch-publizistische Zusammenarbeit in Sachen politische Ökonomie und Sozialismus, eheliche Versklavung und Gewalt, Freiheit des Individuums und Frauenrechte kam jedoch zu einem frühen Ende, als die feministische Theoretikerin mit 51 Jahren an Lungenversagen verstarb.

Wer war die Denkerin mit den blitzwachen Augen, deren geistige Fähigkeiten ihr Mann derart überschwänglich pries, dass sie keiner mehr ernst nahm?

Wir fragten nach der britischen Frauenrechtlerin und Philosophin Harriet Taylor Mill (1807–1858). Ihr zweiter Mann war der britische Nationalökonom und Philosoph John Stuart Mill.

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