Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Europa im Kabinenkoller

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Auf der Duden-Website steht zurzeit der Hinweis: «HÄUFIG NACHGESCHLAGENE WÖRTER Klopapier Pasta Pesto Reis». Offenbar schauen all die Menschen, die zurzeit in Supermärkten schwarmartig die Regale leerräumen, vor Verfassen ihrer Einkaufszettel noch schnell nach, wie man die begehrten Waren schreibt. Ich finde das sympathisch.

Vermutlich hat es mit dem aufgezwungenen Homeschooling zu tun. Wer will schon mit den aufgeweckten Kleinen zusammen im Geschäft herumirren und nichts finden, nur weil auf dem Zettel «Klohpapir» oder «Reiss» steht.

Wer fertig gehamstert hat oder es derzeit gar nicht mehr darf, singt auf Balkonen oder aus dem Fenster. Die einschlägigen Videos haben Sie sicher auch schon gesehen. Doch während die Gesänge aus südlichen Ländern Rührung, Lebensfreude oder beides gleichzeitig hervorrufen, muss Mitteleuropa noch ein bisschen üben.

In Wien schmettert ein Tenor «Volaaare», und eine Frauenstimme kreischt noch ein bisschen lauter: «Ruhee! So scheen is dös net!» Und in irgendeiner deutschen Stadt werden die «99 Luftballons», die nicht ganz so melodisch im Hinterhof aufsteigen, von «Fresse!», «Ruhe!», «Es ist Mittagsstunde!», «Guck mal auf die Hausordnung!» und «Ich ruf die Polizei!» erstickt.

Wenn der innereuropäische Kabinenkoller in den nächsten Wochen nicht schlimmer wird, sollten wir sehr, sehr dankbar sein. Vielleicht interessiert dann auch wieder, was an Europas Aussengrenzen läuft.

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