Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Adorno und Apokalypse

Michelle Steinbeck möchte Pause

Von Michelle Steinbeck

Die Uni ist zu. Ich sitze zu Hause vor meiner Webcam und halte ein Referat über Adornos Anmerkungen zum sozialen Konflikt. Irgendwie ist es rührend, die Gesichter der KommilitonInnen zu sehen, in ihren Küchen und WG-Zimmern, alle bereit, nahtlos weiterzumachen, zusammengeschweisst in diesem seltsamen Experiment. Im Nachhinein bin ich froh um dieses Seminar in diesem Moment. Adorno schreibt von der «fiktiven Notwendigkeit reibungslosen Funktionierens», die wir uns selber in der Gesellschaft vorgeben. Dass wir schnell irritiert und wütend werden, wenn andere nicht wie Maschinen funktionieren, wenn wir uns doch solche Mühe geben, ständig genau das zu tun.

Gut waren deshalb die Momente, in denen kleine technische Probleme auftraten: Eine Kommilitonin hatte schlechtes Netz, Bild und Ton hinkten nach, ein anderer brachte sein Mikro nicht zum Funktionieren. Diese Störungen liessen uns merken, dass eben nicht alles normal ist.

Am Morgen hatte ich mit meiner Grossmutter telefoniert, sie war gerade auf dem Sprung in den Coop und wollte nichts davon hören, dass sie doch nicht mehr aus dem Haus sollte. Sie gehe gern einkaufen. Ich verstehe sie gut. Wenn es nach Adorno geht, besteht unser Verständnis von Freiheit eh im Konsumieren. Auf der Nachbarschaftshilfeplattform auf Facebook regen sich viele über die «Risikogruppen» auf, die ihnen unterwegs noch begegnen – «Für die machen wir doch das ganze Theater», «Undankbar!». Dieses Shaming gegen «fahrlässig frei laufende» SeniorInnen erinnert ein wenig an die alte Frau bei Adorno, die lärmende Kinder ankeift; dabei erinnern sie sie nur an das unterdrückte Aufbegehren in sich selbst, und ausserdem können sie sich schlecht wehren.

Versteht mich nicht falsch: Es besorgt mich, dass meine Grossmutter und viele andere (noch) nicht einsichtig zu Hause bleiben. Aber ich habe leicht reden: Ich sitze zu zweit auf dem neuen Balkon, über dem die Spatzen gerade die Regenrinne ausmisten. Während sich auf dem Handy Horrornews überschlagen, über Italien, Feuer in Moria und Häufungen von häuslicher Gewalt in ausgangsgesperrten Nachbarländern, ist in meiner Strasse Sonnenschein und fröhliches Leben. Kinder spielen, und neue Frühlingskleider flattern auf Velos vorbei. Ein Einziger stört das idyllische Bild: Er kommt grossen Schrittes die Strasse entlang, mit Sonnenbrille und weissem Tuch vor Mund und Nase. Die Einkaufstüte hält er von sich gestreckt, er macht einen Bogen um die Kindertraube vor seinem Haus.

Es ist ein seltsamer Schwebezustand. Meine Friends, die schon in Quarantäne leben, übertreffen sich mit kreativen Aktionen: Einer beginnt mit allabendlichen Facebook-Lesungen aus «Moby Dick», die queere Literaturzeitschrift «Glitter» startet gleich ein ganzes Onlineliteraturfestival («Viral – das online Literaturfestival in Zeiten der Quarantäne» – check it out auf Facebook), wieder andere gründen ein Magazin für den Shutdown (coming soon). Ich hingegen bin blockiert. Ich kann die Zeit (noch) nicht nutzen. Ich möchte auf Pause drücken und meine Familie besuchen. Von oben segelt Regenrinnendreck in meinen Schoss. Der Spatz schaut herausfordernd zu mir runter.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Sie hat ein Zuhause, einen Balkon und Bücher.

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