Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Harte Zeiten

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

«Deine Bildschirmzeit war letzte Woche 66 % mehr, d. h. durchschnittlich 6 Stunden und 57 Minuten am Tag.» Das hielt mein Tablet für nötig, mir nach Quarantänewoche 1 mitzuteilen; nach Woche 2 waren es schon 7 Stunden und 48 Minuten pro Tag. Doch bevor Sie sich Sorgen machen: In meinen Tagen bringe ich auch regelmässig einsame Spaziergänge unter. Mir gehts gut.

Vielen geht es nicht so gut: Von den hart arbeitenden Angestellten systemrelevanter Branchen, deren peinlich niedriges Lohnniveau manchen erst jetzt bewusst wird, über jene, die nun weder Arbeit noch Einkommen haben, bis zu den Eltern, die plötzlich all das übernehmen müssen, was sonst in der Schule geleistet wird.

Eine Mutter twitterte: «Nach 1,5 Wochen Hausschule mit 2 wirklich sehr disziplinierten, mitarbeitenden Kindern frage ich mich trotzdem immer öfter, wie Lehrer*innen es eigentlich schaffen, sich nicht direkt im Klassenzimmer die Heroinspritze zu setzen.» Und diese Lehrer*innen setzten sich nicht nur keine Spritze, sondern bereiteten auch noch in Rekordzeit den Stoff familiengerecht digital auf.

Eine Politikerin fragte auf Twitter: «Was ist das Leben wert, wenn wir uns die Freiheit zu leben nehmen lassen?» Sie schrieb weder aus China noch aus Ungarn, sondern aus Hamburg: Katja Suding, Landesvorsitzende der FDP Hamburg und Bundestagsabgeordnete.

Und weil es auch hierzulande heisst, die politischen Verhältnisse seien wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, finden einige gleich, es sei jetzt «wie im Krieg». Denen empfehle ich nach Aufhebung der Quarantäne eine Aufklärungsreise in Richtung Südosten, 2700 Kilometer reichen schon. 

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