Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Einem Mann wird übel

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Um es vorauszuschicken: Ich halte Frauen nicht grundsätzlich für bessere Menschen. Aber dank landesüblicher Sozialisation entwickeln halt viele von ihnen Eigenschaften wie Empathie oder Rücksichtnahme, die der Gesellschaft durchaus einen Mehrwert bringen können.

Können, aber nicht müssen – denn für den gesellschaftlichen Profit sind solche Eigenschaften nur entscheidend, wenn sie auch als positiv erkannt und bewertet werden. Dass dem nicht so ist, zeigte die Coronakrise, in der sich typische Frauenberufe mit typisch tiefem Lohnniveau als systemrelevant erwiesen.

Doch kaum scheint die Krise abgeklungen, ist eine systemrelevante Bezahlung entsprechender Berufsgruppen kein Thema mehr; die Zahl der im Parlament beschworenen ungeöffneten Pandorabüchsen dürfte inzwischen mehrere Geschirrschränke füllen.

Doch ganz kurz durchwehte den verjüngten Nationalrat ein frischer Hauch, als er letztens das Gesetz verhinderte, das einen erschwerten Zugang zum Zivildienst vorsah: Der Zivildienst wird zu achtzig Prozent in den Bereichen Pflege und Betreuung geleistet und verkörpert die Antithese zur Männerwelt des Militärs.

Viel ist das nicht, doch für manche schon zu viel. FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann schrieb auf Twitter: «Drei Wochen mussten wir uns anhören, wie die Frauen von den Männern geplagt und während der Coronakrise benachteiligt wurden.» Im Ratssaal erlebe er «feministische Propaganda», es hänge ihm «langsam zum Hals heraus, dieses Männerbashing», und wenn er höre, wie linke Frauen über Männer redeten, werde ihm übel.

Der Herr Nationalrat ist übrigens von Beruf Bankdirektor. Ich finde, erst wenn er plötzlich wesentliche Lohnanteile in Form von Applaus erhielte, hätte er einen Grund zum Kotzen.

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