Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Herrschaftsinstrumente

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Ich sitze ja schon seit Wochen nur mit Maske im Tram, meistens als Einzige. Maskenlose haben mich nie komisch angeguckt, mir gings gut.

Bis zu dem Moment, in dem die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ) ihre Motivationsdurchsage einschalteten: «Liebe Fahrgäste! Der erste Eindruck zählt – Kompliment! Ihre Maske sieht fantastisch aus!» – weibliche Stimme, angestrengt euphorischer Grundton. Prompt ergriff mich der starke Impuls, mir das Ding vom Gesicht zu reissen und darauf herumzutrampeln.

Ich tat es nicht. Ich bin erwachsen und habe mich aufs Fremdschämen beschränkt. Aber die Frage beschäftigt mich, was in den Köpfen derer vorgeht, die allen Ernstes glauben, diese Albernheit veranlasse irgendjemanden zu einer – positiven – Verhaltensänderung.

«SWR Aktuell» berichtete letzte Woche, dass sich nur wenige SchweizerInnen, die in Deutschland einkaufen, an die dortige Maskenpflicht halten. Ein befragter Kunde erklärte: «Wir als Eidgenossen sind es gewöhnt, dass wir uns nicht alles vorschreiben lassen, zum Beispiel, dass man sich eine Maske ins Gesicht tut.» Er selbst trug «aus Anstand» eine.

Seit Montag muss man sich so was auch hierzulande vorschreiben lassen, was Alex Baur, Journalist bei der «Weltwoche», veranlasste, auf Twitter den Unbeugsamkeitstarif durchzugeben: «Liebe Eidgenossen, falls sich der ÖV ab Montag nicht meiden lässt, vergesst nie: Die Zwangsmaske ist der Gesslerhut von heute.»

Weil ich jetzt nur noch Menschen mit Maske sehe, vermute ich, dass keine Eidgenossen unterwegs sind. Andernfalls müsste ich ja auch in jedem Tram gespannte Armbrüste fürchten. Sollten die VBZ allerdings die oben zitierte Durchsage beibehalten, könnte es vereinzelt zu Aufständen kommen.

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